TOLKEMIT

Die Kleine Stadt am Frischen Haff

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Wie ein "Auswärtiger" nach einem zweijährigen Aufenthalt Tolkemit und seine Einwohner sieht - aufgeschrieben im Jahr 1944:

Leo Lindner erhielt im Dezember 2003 von einer Tochter des bekannten August Caspritz - Leiter der Kunst-Töpferei in Tolkemit - eine schlecht lesbare Kopie über Aufzeichnungen des pensionierten Lehrers Georg Koch aus Stettin (Schwiegervater von August Caspritz) aus dem Jahre 1944. Nach einem zweijährigen Aufenthalt hat Herr Koch seine Eindrücke über die Stadt und seine Menschen niedergeschrieben.

Leo Lindner hat aus der vorliegenden Kopie eine Schrift gefertigt, die er mir zur Veröffentlichung an dieser Stelle zur Verfügung gestellt hat. Er merkt an, daß einiges von den Darstellungen des Georg Koch nicht schlüssig sei oder auch nicht in allen Teilen den Tatsachen entspricht, ansonsten aber sehr interessant geschrieben wurde und ein schöner Beitrag für unsere Erinnerungen an die geliebte Heimatstadt Tolkemit ist.

Auf den nächsten Seiten folgt der Bericht






Tolkemit
(Kinder-Katzen-Kopfsteine)

im Jahre 1944






Eindrücke und Erlebnisse
dargestellt von Georg Koch







Tolkemit


Tolkemit ist eine Stadt von 4000 Einwohnern und liegt 23 KM nordöstlich von Elbing am Frischen Haff. Von Südwest bis West erstrecken sich ausgedehnte (Haff) Wiesen, nördlich blinkt das Wasser des Haffs, während sich von Nordosten über Osten nach Süden ein bewaldeter Höhenzug hinzieht, der, auf seinen kahlen Vorbergen von Ackerflächen durchzogen, die Stadt im weiten Bogen umschließt und gegen die rauhen Ostwinde schützt.
Tolkemit hat seinen Namen von der Tolkemita, einer vorgeschichtlichen Pruzzenburg erhalten, deren im Süden der Stadt gelegenen Reste als ein von hohen Erdwällen umgebener, fast kreisrunder Talkessel noch zu erkennen ist.
Das heutige Tolkemit ist ein Landstädtchen, dem Ackerbau, Fischerei und Schiffahrt das historische Gepräge geben, während einige Industrieunternehmungen, wie die Töpferei „Tolkemiter Erde" von August Caspritz und die Marmeladenfabrik von Engelken Gebrüder & Co, die gewerbliche Tätigkeit der Neuzeit vertreten.
Wie ein Januskopf weist dieser zwiespältige Charakter der Stadt in die Vergangenheit und in die Zukunft. Daraus ergibt sich auch der leidige Übelstand, daß Tolkemit als Zwitterding zwischen Stadt und Dorf vorwiegend die Untugenden beider Wohnplätze aufweist, ohne deren Tugenden zu besitzen, und zwar die Unruhe der Stadt ohne Sauberkeit, die aufdringlichen Düfte der Dungstätten und ihrer Abwässer, die Unpassierbarkeit nichtgepflasterter Wege während der Regenzeit ohne den stillen Frieden des Dorfes.

Aus dem Zuge des Straßen läßt sich unschwer das ehemalige Stadtgebiet erkennen. Tolkemit war früher eine recht kleine Stadt. In der Mitte die Kirche mit dem Kirchplatz, daneben Rathaus und Markt, drei Längsstraßen, einige Quergäßchen, Mühlen- und Mauerstraße mit der Stadtmauer gleichlaufend, das war alles. Und doch wirkte das Stadtbild damals geschlossener als heute, wo es durch Ausfallstraßen nach verschiedenen Richtungen auseinandergezogen ist.
Die Häuser der Innenstadt sind durchweg klein und stehen mit dem Giebel zur Straße. Anheimelnd wirken besonders die Turm- und Accisenstraße. Die Herrenstraße und ihre Verlängerung, die Hafenstraße, zeichnen sich als Hauptverkehrsstraßen durch besondere Unsauberkeit aus.
Zwischen den Häusern befinden sich oft enge Gänge, die sich häufig bis zur nächsten Parallelstraße hinziehen und so zu schmalen Gäßchen werden. Die Höfe sind - mit ganz wenigen Ausnahmen - klein bebaut und meist ohne erkennbare Grenzen gegen den Nachbarn. Sie zeugen von großer Armut der Bewohner in früheren Zeiten. Die neuerbauten Siedlungshäuser an der Cadiner- und Neukirch-Höher- Chaussee bilden dazu einen erfreulichen Gegensatz.
Nicht zu loben ist auch die unglaublich schlechte Pflasterung der meisten Straßen. Die spitzen Kopfsteine scheinen die Einheimischen nicht zu stören, den Großstädter dagegen zwingen sie zum Grotesktanz.


Bemerkenwerte Gebäude

Von mittelalterlichen Bauwerken ist in Tolkemit außer dem „alten Turm" an der Turmstraße und der Kirche, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts durch ein Kreuzschiff erweitert wurde, nichts mehr vorhanden. Ein verheerendes Feuer, 1769 durch böswillige Brandstiftung entstanden, legte fast die ganze Stadt in Asche. Die letzten Reste der alten Stadtmauer an der Mühlenstraße Ecke Hafenstraße wurden 1944 bei dem Erweiterungsbau der Caspritzschen Töpferei beseitigt.
Das Rathaus ist ein kastenförmiger, schmuckloser Bau und gereicht dem Marktplatz nicht zur Zierde. Das ihm gegenüberliegende Wohnhaus von Wolff könnte mit seiner Freitreppe besser wirken, wenn es nicht so verwahrlost wäre.
Das Schulgebäude an der Frauenburger Straße ist auffallend groß und zeugt dadurch von dem bekannten Kinderreichtum der Einwohner. Die Nachbarschaft der häßlichen Scheunen wirkt störend auf den Beschauer.
Durch seine Größe, mehr aber noch durch seine weithin sichtbare Lage auf dem Höhengelände an der Elbinger Straße fällt auch das Elisabeth-Krankenhaus auf. Es wurde um 1900 erbaut und von der damaligen deutschen Kaiserin Auguste Viktoria eingeweiht. Im Innern zeichnet es sich durch peinliche Sauberkeit und anheimelnde Ausstattung der Wohn- und Krankenzimmer aus.
Als ein erfreulicher Beweis für das fortschreitende Wachsen und Gedeihen eines alten bedeutenden Gewerbes muß die 1942 neuerbaute geräumige Schiffswerft von Modersitzki gelten. Durch ihre Bauart (sie ist ganz aus Holz errichtet) und ihre Lage zwischen Hafen und Erlenwäldchen, paßt sie sich vortrefflich dem Zweck ihrer Bestimmung an.
Ganz deplaziert wirkt dagegen das Gebäude der Marmeladenfabrik von Engelken auf dem Wiesengelände am Haff. Es verschandelt die ganze Landschaft und kann außer Zweckmäßigkeitsgründen nichts zu seiner Entschuldigung dafür anführen.
Ein zweites traditionelles, aber fast erloschenes Handwerk Tolkemits, das alte Töpferhandwerk wieder zu neuem Leben erweckt zu haben, ist das Verdienst des Herrn August Caspritz. Das unter größten Schwierigkeiten während der letzten Kriegsjahre errichtete und durch noch immer dauernde Um- und Erweiterungsbauten vergrößerte Fabrikgebäude, läßt aber wegen seiner Unfertigkeit leider keine Schlüsse auf seine Wirkung im Stadtbild zu.
Das winzige Kirchlein der kleinen evangelischen Gemeinde verdient nach seinem Äußeren wenig Beachtung. Auch die innere Ausstattung ist - wie bei fast allen evangelischen Gotteshäusern - ziemlich schmucklos, wenn man von den ganz modernen Wandmalereien absieht, die zwar den Stolz einzelner Gemeindemitglieder bilden, weil zu den dort dargestellten Personen ihre Angehörigen Modell gestanden haben, durch ihre Farblosigkeit aber auf den objektiven Beschauer statt erhebend nur ernüchternd wirken. Der wandelnde Jesus auf dem Meere scheint mit einem Bademantel bekleidet zu sein.
Durch die praktische Fußbodenheizung und die 1 ½ Meter hohe wohnlich wirkende Wandtäfelung genießt die Kirche aber einen Vorzug, den sie zum größten Teil der rührigen Tätigkeit ihres langjährigen Organisten, des Lehrers Franz Braun, verdankt.
Von den bürgerlichen Wohngebäuden zeichnet sich keins durch besondere Schönheit oder Eigenart aus. In der Innenstadt sind sie fast ausnahmslos Giebelhäuser, in den Außenbezirken stehen sie dagegen mit der breiten Seite zur Straße. Von fast militärischer Gleich- und Einförmigkeit sind die kleinen Giebelhäuser in der Turmstraße.


Die Bewohner

Tolkemit gehört seit dem 13. Jahrhundert zum Siedlungsgebiet des Deutschen Ritterordens. Ob wir aber in den heutigen Einwohnern noch Nachkommen der ersten Ansiedler zu erblicken haben, ist fraglich. Deutschstämmig sind sie auf jeden Fall. Das geht schon aus den rein deutschen Namen wie Albrcht, Funk, Klatt, Ellerwald, Lindner, Schmidt, Gottschalk, Trautmann, Liedtke, Wulf und Gehrmann - nur einige zu nennen - hervor, von denen die letzten drei besonders häufig vertreten sind.
Nach 1939 -wohl unter der Einwirkung des Krieges mit Polen- zeigte sich das Bestreben, polnisch klingende Namen zu verdeutschen. So wurde aus Dobschinski = Döben, aus Sydowski = Sydow, wobei zu bemerken ist, daß letztere Verdeutschung nur unvollständig ist.
Die Beschäftigung der Bewohner wird in erster Linie durch den Charakter des Ortes als Hafen- und Ackerbürgerstadt bedingt. Daher gibt es hier überwiegend Schiffer, Fischer, Bootsbauer und Landwirte, daneben Gewerbetreibende und Ziegeleiarbeiter. Eine große Anzahl junger Mädchen arbeitet in den beiden neuerrichteten Fabrikbetrieben; der Töpferei „Tolkemiter Erde" von August Caspritz und der Marmeladenfabrik von „Engelken".
Einfach und bescheiden ist die Lebenshaltung der Tolkemiter. Großer wirtschaftlicher Wohlstand ist bei den Einheimischen nirgends vorhanden. Nur in einem Punkte übertrifft Tolkemit die meisten Städte gleicher Größe, nämlich im Kinderreichtum, ist Tolkemit doch eine der kinderreichsten Städte Deutschlands. Kinder, Katzen, Kopfsteine: diese Dreizahl ist dem Fremden nicht immer sympathisch, aber bezeichnend für den Ort..
Die Umgangssprache in Tolkemit ist ein ungemein häßliches, breites Platt. Selbst dem Kenner pommerscher Dialekte bleibt sie oft unverständlich. Daß das „o" zu „au, das „wo" also zum „wau", der „Otto" zu „Atou" oder gar zu „Autau" wird, ist noch nicht sehr befremdlich. Die Unsitte aber, hinter das „o" vielfach noch ein „i" einzuschieben und beispielsweise die Toni zu einer Toini zu machen, winkt auf das Ohr doch gar zu abscheulich.
Da Tolkemit kirchlich zum Bistum Ermland gehört, das der Reformation im 16. Jahrhundert erfolgreich widerstand und stets eine Sonderstellung in Preußen einnahm, so ist auch die Bevölkerung noch heute rein katholisch. Die dreihundert Evangelischen spielen in dieser Beziehung nur eine untergeordnete Rolle und werden - zumal es meist Zugereiste sind - stets einen Fremdkörper innerhalb der katholischen Volksgemeinschaft bilden. Die schroffen Gegensätze, die noch vor drei Jahrhunderten zwischen den beiden Konfessionen herrschten, konnten zwar durch das nach einem friedlichen Ausgleich strebende Bemühen des evangelischen Lehrers, Herrn Braun, etwas gemildert, doch nie ganz beseitigt werden.

Eine dem Evangelischen besonders auffallende Erscheinung ist die überaus rege Kirchlichkeit der Einwohner. So predigte in der Woche vor Ostern 1944 ein Jesuitenpater aus Königsberg täglich zweimal bei fast immer voller Kirche!
Wer die Tolkemiter als Volksgemeinschaft kennenlernen will, muß sie bei ihren kirchlichen Feiertagen aufsuchen. Hier finden sich alle zusammen, vom vierjährigen Kind bis zum ältesten Greis. Nicht das Rathaus und der Markt, sondern die Kirche ist der Mittelpunkt ihres Gemeinschaftslebens. Im Rathaus befiehlt der anders - oder gar - wie in den letzten Jahren - der ungläubige Fremde, in der Kirche dagegen lehrt, mahnt und tröstet der einheimische Pfarrer. Was sie dem einen versagen, opfern sie dem andern gern.


Sehenswürdigkeiten

Zwei Sehenswürdigkeiten hat Tolkemit aufzuweisen: den Hafen und das Erlenwälddchen. Wenn sie im Baedecker nicht mit einem Stern versehen sind, so ist dies ein unverzeihlicher Fehler. Möglicherweise ist Tolkemit aber überhaupt nicht erwähnt!


Der Hafen

Wer Tolkemit besucht, und sei es auch nur auf Stunden, geht zum Hafen andernfalls wird er hingeführt, das ist Tradition. Denn der Tolkemiter ist stolz auf seinen Hafen, hält er ihn doch für den größten Segelschiffhafen wenn auch nicht der ganzen Welt (dazu sind sie beide, der Tolkemiter sowohl wie der Hafen, denn doch zu bescheiden), so doch wenigstens Deutschlands.
Gewiß der Hafen ist groß, aber doch nur für Tolkemit. In Stettin oder gar Hamburg würde dieses rechteckige Wasserbecken nur ein kleiner Tümpel sein. Es ist zwar leicht möglich, daß selbst der Hamburger Hafen keine Stelle aufweist, wo zu gleicher Zeit 60 - 70 Segelschiffe versammelt liegen, wie dies bei dem Tolkemiter Hafen im Winter der Fall sein soll. Während der Kriegszeit ist dieser Fall nun zwar nicht eingetreten. Doch; die Tolkemiter behaupten es, und man muß es glauben.
Allerdings können die Tolkemiter Schiffe: zweimastige Schoner von 120 bis 180 t und kleinere einmastige, sogenannte Lommen, eine Spezialität Tolkemits, keinen Vergleich mit den großen Segelschiffen der Nordseehäfen aushalten.
Durch ihre eigentümliche Bauart verdienen diese Tolkemiter Lommen eine ganz besondere Beachtung. Bei niedrigem Bord liegen sie ungewöhnlich breit und flach auf dem Wasser und erinnern dadurch an eine Ente, die sich behaglich von den Wellen schaukeln läßt. Dabei sollen es schnelle Segler sein, wie von ihren Besitzern behauptet wird.
Wer nun der Meinung ist, daß auf diesen Schiffen die Erzeugnisse fremder Erdteile, wie Kaffee, Tee, Kakao oder gar die Schätze der Weltmeere herbeigeschafft werden, der wird enttäuscht, wenn er hört, daß ihre Fracht vorwiegend aus Sand, Ziegel und Steinen besteht und das sie meist nur nach Königsberg und Pillau, höchstens aber bis Gotenhafen und Memel fahren.
Das zähe festhalten am Althergebrachten, das sich auch in ihren Lommen zeigt, ist ein schöner Charakterzug der Tolkemiter, und es ist nur zu wünschen, daß der alles nivellierende Geist der Neuzeit keine Änderung darin herbeiführt.
Wenn so der Hafen nun zwar nicht der Ausgangs- und Endpunkt für große Weltreisen ist, so ist er es doch für die vielleicht noch schöne Fahrt in das Sommerparadies der Tolkemiter, das Ostseebad Kahlberg.
Doch auch die Elbinger und Braunsberger benutzen im Sommer gern diese Gelegenheit, über Tolkemit zu einem erfrischenden Bad in der Ostsee zu kommen. Dann steht an heißen Julitagen eine riesige Menschenschlange vor der Anlegerbrücke der Dampfers „Tolkemit", und Hunderte müssen oft enttäuscht umkehren, wenn der Dampfer überfüllt ist. Sie ziehen dann meist resigniert nach dem nahen Hafenkrug und suchen sich durch ein Bad in dem nicht immer sauberen Wasser des Frischen Haffs zu entschädigen.
Der Hafen öffnet den Weg zur Fahrt in die mehr oder weniger unbekannte Ferne. Das Mittel dazu liefert die benachbarte Schiffswerft von Modersitzki. Umfangreiche vordringliche Wehrmachtsaufträge lassen zwar zur Zeit private Neubauten zurücktreten, der Reparaturbetrieb wird aber weiter aufrechterhalten.
Für dies sogenannte Überholen der Schiffe ist naturgemäß der Winter, wenn die Fahrten eingestellt werden, die geeignete Zeit. Auf Pfosten, Klötzen und Keilen ruhen dann schwebend in behäbiger Breite die durchaus nicht plump wirkenden Lommen, oft ein Dutzend und mehr, und es riecht nach frischem Holz, frischer Farbe und vor allem nach - Teer.
Die verhältnismäßig kleinen Fischerboote würden im Hafen wenig auffallen, wenn nicht die in vier langen Reihen zum Trocknen aufgehängten Netze und ein Schuppen, dem aufdringlicher Fischgeruch entströmt, ihren Liegeplatz verrieten. Es sind weniger, als , man für Tolkemit vermutet, und wer die Fischerfahrzeuge des Stettiner Haffs, die Zeesen und Quatzen, kennt, wundert sich über ihre geringe Größe.
Hechte, Zander, Bressen und Aale werden vorwiegend gefangen, leider aber nicht ebenso vorwiegend in Tolkemit verkauft, sondern zum größten Teil in dem erwähnten Schuppen zum Weitertransport abgeliefert.
So bietet also der Hafen ein eindruckvolles Bild geschäftiger Arbeit, doch es wäre unvollständig, wenn man nicht auch der Molen gedächte, die zu gewissen Zeiten eine weit größere Anziehungskraft besitzen als der Hafen selbst.

Bericht eines "Auswärtigen" - Fortrsetzung 1
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