TOLKEMIT

Die Kleine Stadt am Frischen Haff

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Tolkemiter Lommen

Beitrag von Leo Lindner und Helmut Lingner

Die Tradition des Lommenbaus lebt im Modellbau weiter

Über die Geschichte der Tolkemiter Lommen wird in dem Buch

Lommen und Buxer - Volkstümlicher Schiffbau in Ost- und Westpreußen
ausführlich berichtet. Zwei mitgelieferte Zeichnungen ermöglichen den Nachbau im Maßstab 1:15. Geschrieben wurde das Buch von Siegfried Forrnacon und
Gerhard Salemke.

Das Buch kann zum Preis von 45,50 € bezogen werden beim
Verlag Arbeitskreis historischer Schiffbau e.V. Honnefer Platz 5, 50939 Köln
(ISBN-Teil 3 - 931874)
Mehrere Mitglieder des Vereins Arbeitskreis historischer Schiffbau haben die 1945 in den Westen geretteten und der Vernichtung entgangenen Schiffe, die Lomme Emilie und den Schoner Richard nach Plänen von Gerhard Salemke mehrfach als Modell nachgebaut. Die Schiffe sind die Attraktion bei den Treffen der Modellbauer und haben bereits mehrmals bei Segelwettbewerben Preise gewonnen.

Die nachstehenden Fotos von Gerhard Salemke zeigen auf der nächsten Seite das Modell der Richard in voller Fahrt:
Weitere Informationen zum Thema Tolkemiter Lommen finden Sie auf dieser Seite nach den Bildern der Lomme Richard.

Modell der Lomme Richard in voller Fahrt:

Tolkemiter Lommen - Zusammenhänge

Wenn Tolkemiter den Begriff Lommen hören, verbinden sie damit zwangsläufig die
Schiffahrt, den Schiffsbau und die Schiffswerften. Diese Erwerbszweige bedingten sich gegenseitig und waren voneinander abhängig.
Mit Informationen, die ich dem Buch von Leo Lindner entnehme, will ich den Spuren der Vergangenheit nachgehen, zumal ich der Sohn eines Schiffseigners, dessen Vater in Tolkemit ebenfalls Schiffer war, bin. In dieser Stelle sollen die Lommen im Mittelpunkt stehen. Wir befinden uns also in der Zeit vor und nach 1900. Weitergehende Ausführungen sind der Seite Tolkemit Damals vorbehalten.

Die Schiffahrt:
Die Nähe zum Wasser, zu den Wasserstraßen, war eine natürliche Folge dafür, daß in Tolkemit ein wesentllicher Erwerbszweig die Schiffahrt war.
Die Lage direkt am Frischen Haff eröffnete die Verbindung in die Handels- und Wirtschaftszentren in westlilcher und östlicher Richtung, also in den Raum Danzig und Königsberg mit den vielen Verzweigungen über Flüsse und Kanäle, bis hin nach Bornholm.
Durch den Bau des Hafens im Jahre 1862 und der Erweiterung, die 1883 abgeschlossen werden konnte, erlebte die Frachtschiffahrt mit den
Tolkemiter Lommen und Schonern einen erheblichen Aufschwung. In der Blütezeit waren im Tolkemiter Hafen mehr als 120 Schiffe beheimatet. Tolkemit hatte zu dieser Zeit den größten Hafen für Frachtsegelschiffe Europas! Die Lommen, die auch für den Einsatzt auf dem Kurischen Haff gebaut wurden, galten als Schnellsegler. Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß eine Königsberger Reederei nach 1920 eine größere Anzahl Tolkemiter Lommen im Einsatz hatte, die die kleinen Ostseehäfen wie Stolpmünde, Kolberg, Rostock, Wismar und Stettin anliefen.

Hier einige Bildeindrücke von Lommen und Schonern im Tolkemiter Hafen:

Schiffsbau/Schiffswerften in Tolkemit:
In Tolkemit hatten sich in Hafennähe zwei Schiffsbauwerften niedergelassen. Die Schiffsbauwerft Modersitzki zu beiden Seiten der Haffuferbahn in Höhe der Straße Hinterhaken wurde 1863 von Gottfried Modersitzki gegründet. Die Schiffswerft Lingner lag näher am Hafen, nördlich der Straße Pappelzeile und der Gleise zwischen der Grünanlage und dem Erlenwäldchen. Beide Werften besaßen Sägewerke.
In der Hauptsache wurde für den Schiffsbau Eichenholz aus den heimischen Wäldern verwendet. Speziell dafür ausgebildete Schiffszimmerer fügten die mit Hilfe von Dampfmaschinen für den jeweiligen Zweck geschnittenen Bohlen, Bretter und Leisten, beginnend mit dem Kiel zusammen, bis schließlich auf das Holzgerippe

- vom Kiel angefangen - die Planken schindelförmig überlappend genagelt wurden. Für Rundungen wurde der natürliche Holzwuchs ausgenutzt. Die Planken wurden bei ständigem Befeuchten über Holzfeuer gebogen. Schiffsnägel wurden in Handbetrieb in der Nagelschmiede Sakrowski in der Elbinger Straße angefertigt. Die Rumpfteile mußten naach Abdichtungsarbeiten mehrmals mit Pech und Teer behandelt werden, um ihn wasserdicht zu machen. Das Holzfeuer, Pech und Teer verbreitete den für Tolkemiter typischen Geruch in der Nähe des Hafens und der Werften. Nachdem die Wasserdichtigkeit festgestellt war, konnte mit vielen Hilfsmitteln der Stapellauf des Schiffsrumpfes stattfinden. Danach erfolgte die Auftakelung und Ausrüstung. Die Masten wurden aufgestellt und mit Wanten abgestützt. Taue lieferte der Seilmacher Steinke, der seine Werkstatt an der Straße Reiferbahn hatte.
Aus den Schmieden Kolberg und Beuth kamen Anker, Ketten und Beschläge aller Art. Die Segelmacher schickten die eigens für das Schiff genähten Segel. Tolkemiter Zulieferbetriebe hatten also durch den Schiffsbau Arbeit und Nutzen.

Anzumerken ist noch, daß Nachkommen der Firma Modersitzki nach der Vertreibung den Werftbetrieb in Schleswig-Holstein fortsetzten und im Jahre 1988 das 125jährige Firmenjubiläum feiern konnten.

Bau einer Lomme

Transport des Schiffsrumpfes von der Werft zum Hafen (Zeichnung von Gerhard Salemke)

Tolkemiter Lomme in voller Fahrt

Lomme auf der Werft

Zum Abschluß dieser Seite zum Thema "Schiffsbau/Werften" ein bisher unbekannter, aber interessanter Beitrag, den mir Leo Lindner übermittelt hat, wie folgt:

Meldung aus dem Jahr 1908
Schichauwerft in Tolkemit?
Wäre Elbing zur Kleinstadt geworden?

Wer hat Kenntnis von den nachstehend geschilderten Tatsachen aus dem Jahr 1908? Hier nun der Bericht aus alter Zeit, der einen ganz brisanten Vorfall zum Inhalt hat.
Eine Angestellte der Stadtverwaltung in Tolkemit erinnert sich an folgende Begebenheit. Auf Anweisung des Bürgermeisters wurden Bodenräume des Rathauses 1939 aufgeräumt, um diese "luftschutzgerecht"herzurichten. Dabei wurden seltene Schriftstücke und Urkunden gefunden. Besondere Aufmerksamkeit erweckte bei den "Saubermachern" ein Aktenbündel, das einen umfangreichen Schriftwechsel zwischen der Direktion der Schichau AG in Elbing und der Stadtverwaltung in Tolkemit aus dem Jahr 1908 enthielt. Nach entsprechender Sichtung kam ein bedeutender, aber bereits in Vergessenheit geratener Vorgang ans Licht. Danach hatte Schichau den Plan, die gesamten Werftanlagen in Tolkemit zu errichten und entsprechend auszubauen. Die Lage der Werft in Elbing stellte die Firma durch die Versandung des Elbing-Flusses vor große Probleme. Deshalb bot sich die gute Lage von Tolkemit direkt am Haff an.
Haben die Tolkemiter damals eine große Chance für die Industrieansiedlung vertan?
Leicht hat man sich die Entscheidung damals nicht gemacht. Die Stadtverordneten lehnten schließlich das Angebot von Schichau ab. Einflußreiche Kreise in der Stadt waren damals die Schiffer und Bauern. Sie wollten in ihrem eigenen Interesse alles beim alten belassen.
In Tolkemit hat es über eine derartige Entscheidung große Aufregung gegeben. Für viele Menschen war es nicht zu verstehen, warum eine solche Möglichkeit ausgelassen wurde. Die Arbeitsmöglichkeiten in der kleinen Stadt waren damals knapp, zumal das Töpfergewerbe gerade einen totalen Niedergang erlebte.
Es wurde auch noch berichtet, daß Schichau erst nach der Ablehnung von Tolkemit mit der Stadt Elbing in Verhandlungen eintrat. Was wäre wohl in Elbing passiert, wenn Schichau nach Tolkemit gegangen wäre? Es ist gar nicht auszudenken. Die Entwicklung der gesamten Region hätte sich dann sicher total verändert. Schließlich kann man zu dem Ergebnis kommen, Elbing hat die weitere Industriealisierung und die erreichte regionale Bedeutung seit dem Beginn des letzten Jahrhunderts eigentlich Tolkemit zu verdanken! Tolkemit blieb trotz großer Bemühungen weiter eine verträumte Stadt.

Als Abschluß dieser Betrachtung sei hier der Ausspruch einer Tolkemiter Großmutter angeführt, der um 1900 getan worden sein soll:
"Wenn de Schepp flege, un de Woge ohne Peard fohre, un de Frue Bexe anhewwe, denn es de jüngste Dag nich mea wiet" (Wenn die Schiffe fliegen, und die Wagen ohne Pferde fahren, und die Frauen Hosen anhaben, dann ist der jüngste Tag nicht mehr weit).
Bermerkung von Leo Lindner:
Ob wir nun wohl bald mit dem "Jüngsten Tag" rechnen müssen?

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