TOLKEMIT

Die Kleine Stadt am Frischen Haff

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Bericht eines Nettetalers zur Einweihung der Tolkemiter Straße:

Im Heimatbuch des Kreises Viersen 2004 hat der Vorsitzende des Bürgervereins
Kaldenkirchen eV., Herr Heinz-Willi Schmitz, unter der Überschrift

VON TOLKEMIT AM FRISCHEN HAFF NACH NETTETAL AM NIEDERRHEIN - ZU EINER STRASSENBENENNUNG IN KALDENKIRCHEN

den folgenden Artikel veröffentlicht:

°VON HEINZ-WILLI SCHMITZ

Die Tolkemiter stammen aus einer kleinen Stadt am Frischen Haff, einer Stadt mit deutscher Bevölkerung, deutscher Sprache und deutscher Kultur.
Durch die Flucht vor der Roten Armee und die Vertreibung durch die Polen in den Jahren 1945 bis 1947 wurde die Stadt von Deutschen total entvölkert. Von ihrer Heimat geblieben ist die Erinnerung an ein Kleinod, das nun Tolkmicko heißt und zur Republik Polen gehört. In Nettetal wohnen viele ehemalige Tolkemiter. Dies war der Grund, im Neubaugebiet an der Kölner Straße/Möskesweg eine Straße "Tolkemiter Straße" zu nennen. Am 10. August 2002 wurde bei einem offiziellen Treffen der Tolkemiter ein Straßenschild sowie eine Gedenktafel mit einem Anker enthüllt. "Dies ist ein guter Tag für Tolkemit, er ist gut für Kaldenkirchen, und damit ist er gut für uns alle", so leitete ich als Vorsitzender des Bürgervereins Kaldenkirchen den Festakt ein.
Für viele der Anwesenden ist Tolkemit Geburtsort und Heimatort, zum anderen
haben sie eine zweite Heimat gefunden. In Nettetal und Umgebung ist man häufig mit dem Namen Tolkemit konfrontiert worden. Auch andere Namen, wie Elbing und Frauenburg, waren als Straßennamen im Gespräch.

Alte Katasterunterlagen sind häufig eine willkommende Grundlage und Anregung für die Benennung von neuen Straßen. Aber diese Quelle ist manchmal erschöpft. Relativ unverfänglich ist die Möglichkeit, nach Musikern, Dichtern oder - vielleicht besonders einfallsreich - Blumen oder Bäumen mehre Straßen in einem bestimmten Gebiet zu benennen, das erleichtert das Suchen bzw. das Finden.
Auch die Straßenbenennung nach "großen Poliltikern" oder Persönlichkeiten, die lokale Bedeutung erlangt haben, ist eine Möglichkeit. In Kaldenkirchen beispielsweise wurde unweit der Tolkemiter Straße eine Benennung nach Joe Alex vorgenommen, der die Kaldenkirchener Hymne "Hoch Kaldenkirchen" komponierte oder nach August Peters, der, aufgewachsen an der Kölner Straße, später Bischof war.

Der Nettetaler Rat entschied sich auf Vorschlag des Bürgervereins Kaldenkirchen in diesem Fall für die Bezeichnung "Tolkemiter Straße".

Leo Lindner, Tolkemiter, heute in Hamburg wohnhaft, der verschiedene Schriften über Tolkemit verfasst hat, ermunterte in Nettetal seine Landsleute, sich mit der Geschichte ihrer Stadt auseinander zu setzen. Die Bewohner von Tolkemit wurden im Februar 1945 aus ihrer Heimat vertrieben. Die Zivilbevölkerung mußte fliehen. Alle 4.000 Einwohner von Tolkemit verloren ihr angestammtes Zuhause. - Erinnert wurde beispielsweise an Maria Bendrin, heute Engels, die in Kaldenkirchen wohnt. Sie kam am 1. August 1946 wie viele andere Tolkemiter nach Kaldenkirchen.

Gemeinsam mit Leo Liedke, Tolkemiter, der heute in Lobberich wohnt, haben sie darauf hingewiesen, daß 1946 etwa 600 Tolkemiter nach ihrer Ausweisung aus ihrer westpreußischen Heimat an den Niederrhein kamen. Über Jahrhunderte hatten ihre Familien in Tolkemit gelebt. Sie wurden nach ihrer Ankunft im damaligen Kreis Kempen-Krefeld bis zur niederländischen Grenze, wobei das heutige Nettetal als Mittelpunkt zu sehen ist, auf mehrere Lager und später auf Privathaushalte aufgeteilt. Die Unterbringung war oft becheiden auf engem Raum. Die Menschen waren aber froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und begannen, sich unter den gegebenen Umständen einzurichten und ein neues Leben aufzubauen.
Die Tolkemiter stellen heute im Raum Nettetal einen beachtlichen Anteil der Bevölkerung. Zu den 600 angekommenen Menschen kamen in der Folge durch Zuzug weitere Familienangehörige und Verwandte. Unter Berücksichtigung dessen, das heute schon weitere Generationen als Nachkommen der Tolkemiter am Niederrhein leben, kann man davon ausgehen, dass diese Menschen durch ihre Vermischung mit der Ursprungsbevölkerung einen wesentlichen Bestandteil der Region verkörpern.

Die Tolkemiter hängen auch nach mehr als 57 Jahren in ihrem neuen Zuhause weiterhin sehr intensiv an ihrer angestammten Heimat, da diese für viele noch der Geburtsort ist. Man trifft sich bei vielen Gelegenheiten mit Verwandten und Bekannten aus der Heimat. So ist es nicht verwunderlich, dass der Wunsch bestand, dieser Heimat ein bleibendes Andenken zu bewahren. Was lag also näher, als eine Straße in Nettetal nach der kleinen Stadt am Frischen Haff zu benennen.

Symbolisch für die Schiffahrtstradition der Stadt Tolkemit wurde ein Anker beschafft. Der Anker soll aber auch ein Hinweis darauf sein, dass hier 600 Tolkemiter ein neues Zuhause - einen neuen Ankerplatz gefunden haben. Auf diesen Gedanken ging auch Pastor Klaus Dors in seiner eindrucksvollen Predigt in der katholischen Kirche ein, in der am Tag der Straßenbenennung ein gut besuchter Gottesdiesnst, den die Tolkemiter gestalteten, stattfand.

Der Anker ist zusammen mit einem Findling in der kleinen Grünanlage aufgestellt worden. An dem Stein ist eine Tafel angebracht worden mit der Inschrift: Tolkemit - Stadt am Frischen Haff, Kreis Elbing/Westpreußen. Gründung 1296 durch den Deutschen Orden. Größter Binnenseesegelschiffhafen Europas. Schifffahrt, Fischerei und Keramikherstellung.

Die Feierstunde, bei der der "Männergesangverein Liedertafel 1853 Kaldenkirchen" mitwirkte, war sowohl von Tolkemitern als auch Nettetalern sehr gut besucht.

Leo Lindner bedankte sich später:
Das gesamte Geschehen im Zusammenhang mit der Einweihung der Tolkemiter Straße am 10. August war eine Demonstration, wie auch in der heutigen Zeit die Belange der Bürger einer Stadt Berücksichtigung finden können. Für die Gemeinschaft der Tolkemiter war es ein ganz besonderer Tag.
Er begann mit einem sehr feierlichen Gottesdienst, der ganz nach dem in der Heimat gepflegten Ablauf und Liederwerk (Ermländische Singmesse) gestaltet war und mit einfühlsamen Worten von Herrn Pfarrer Klaus Dors begleitet wurde. Es war Balsam auf die Seelen der Tolkemiter. Die Begleitung der Enthüllung von Straßenschild, Tafel und Anker hatten einen würdevollen Charakter. Das starke Interesse an diesem Ereignis ist auch durch die große Zahl von Tolkemitern deutlich geworden.
Besonders die Beteiligung der Mitglieder des Bürgervereins und der Anwohner der Tolkemiter Straße an der Einweihung ist ein Symbol für eine gelebte Gemeinsamkeit zu den Menschen in der Gemeinde.
Tolkemit hat nun eine neue Heimat in Kaldenkirchen gefunden."


In großer Zahl waren ehemalige Bürger aus Tolkemit am Frischen Haff aus Nettetal und von außerhalb, aber auch viele "gebürtige Nettetaler" am 10. August 2002 zusammengekommen, um die Enthüllung des Straßenschildes "Tolkemiter Straße" mitzuerleben. Neben dem Pfosten Leo Liedke, in Lobberich wohnender ehemaliger Tolkemiter, vor dem Zaun Heinz-Wille Schmitz, Vorsitzender des Bürgervereins Kaldenkirchen e.V. und Autor dieses Beitrages.

Straßenschild (oben) und Anker mit Findling und Informationstafel

Anmerkungen der Redaktion:
Es ist sicherlich als ein großer Erfolg für alle Tolkemiter zu werten, daß mit der Straßenbenennung Tolkemit in Netttetal-Kaldenkirchen ein bleibendes "Denkmal" gesetzt wurde und dieses Ereignis durch die Veröffentlichung im Heimatbuch des Kreises Viersen 2004 einer breiten Bevölkerung zugänglich gemacht wird.
Ein besonderer Dank für diese Aufmerksamkeit gilt Herrn Heinz-Willi Schmitz, dem Autor des Artikels, Vorsitzender des Bürgervereins Kaldenkirchen e.V. und Mitinitiator für die Entscheidung des Nettetaler Rates, eine Straße in Kaldenkirchen die Bezeichnung "Tolkemiter Straße" zu geben.

An dieser Stelle weise ich auf die besondere Seite

Tolkemiter Straße in Nettetal

hin. Hier wird über die Einweihungsfeierlichkeiten am 10. August 2002 berichtet. Außerdem finden Sie dazu einige farbige Bilder.

Zum Text von Heinz-Willi Schmitz im Heimatbuch noch eine kleiner sachlicher Hinweis, damit Tolkemiter, die Flucht und Vertreibung persönlich erlebt haben, nicht irritiert sind:
Die Bewohner von Tolkemit wurden ab November 1945 aus ihrer Heimat vertrieben, die meisten Mitte 1946.
Die Flucht war nur bis zum Einmarsch der Roten Armee am 26. Januar 1945 möglich, in Einzelfällen noch bis Anfang Febr. 1945 mit deutschen Soldaten die sich in Richtung Frauenburg absetzen mußten.

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