TOLKEMIT

Die Kleine Stadt am Frischen Haff

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Schicksalsjahr 1945

Tolkemit am 26. Januar 1945

Das Schicksal nahm seinen Lauf

Teil 1

Mit dem Vorstoß der Roten Armee am 26. Januar 1945 bis zum Hafen in Tolkemit beginnt für die im Jahre 1296 vom Deutschen Orden gegründete deutsche Stadt mit deutscher Bevölkerung der Untergang.
Für die in der Stadt verbliebenen rd. 800 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, beginnt ein schrecklicher Leidensweg. Sie befinden sich in einem rechtlosen Zustandt und sind bedingungslos der Willkür der Machthaber ausgesetzt. Die anderen etwa 3200 Einwohner können in ihre angestammte Heimatstadt nicht mehr zurückkehren.

Die Existenz der Menschen in Tolkemit, die dort ihre Vorfahren haben und mit preußischer Geschichte über sechs Jahrhunderte ihre Traditionen pflegten, wurde abrupt abgebrochen.

Aufgrund der folgenschweren Auswirkungen - davon betroffen sind rd. 12 Millionen Menschen östlich der Oder-Neiße-Linie im Osten Deutschlands - können sich meine Darstellungen zum Schicksalsjahr 1945 nicht nur auf Tolkemit beschränken. Zum besseren Verständnis sollen deshalb auch die Vorgeschichte, Ursachen und Zusammenhänge beleuchtet werden. Meine Berichterstattung gliedere ich daher in zwei Teile:

Teil 1 - Vorgeschichte - Ursachen - Hintergründe im Zeitraffer

Teil 2 - Der Untergang von Tolkemit

Teil 1 - Vorgeschichte - Ursachen - Hintergründe - im Zeitraffer

Rückblick:

Der Erste Weltkrieg 1914-1918 geht für Deutschland verloren. Nach dem Friedensvertrag von Versailles verliert Deutschland insbesondere im Osten größere Gebiete. Durch den sogenannten Korridor werden Westpreußen und Teile Ostpreußens vom übrigen Deutschland abgetrennt; dem Verlierer Deutschland werden schwere Lasten (Reparationen) auferlegt.

Folgen des Ersten Weltkrieges:

Die großen Gebietsverluste und auferlegten Lasten, verstärkt durch die Weltwirtschaftskrise, Inflation und hohe Arbeitslosigkeit sind im Übergang von der Monarchie zur Demokratie der Weimarer Republik eine große Belastung.
Organe der Weimarer Republick sind Reichstag - Reichsregierung - Reichspräsident - Reichskanzler.
Erster Reichspräsident (Staatsoberhaupt) wurde Friedrich Ebert. Im Reichstag waren folgende Parteien verrtreten: SPD - KPD - NSDAP - DNVP - Zentrum.

Vom Parlamentismus bis zur Machtergreifung durch Hitler:
Alle Parteien und Politiker der jungen Weimarer Republik waren sich in der Ablehnung des Versailler Friedensvertrages einig und zu einer Revision der festgelegten Ostgrenzen entschlossen.
Zerstrittenheit und Unfähigkeit der Parteien und Politiker im Reichstag führten von einer Regierungskrise in die andere, bis hin zur Regierungsunfähigkeit. Dies hatte zur Folge, dass die Nationalsozialistische Partei Adolf Hitlers immer stärker wurde. Nach dem Tod des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert im Jahre 1923 wurde Paul von Hindenburg Reichspräsident.

27. März 1930:
Hindenburg greift ein und erteilt Brüning den Auftrag zur Regierungsbildung, ohne Erfolg. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung erläßt der Reichspräsident Notverordnungen.
14. September 1930:
Der Reichstag wird aufgelöst. Hitler setzt Neuwahlen durch. Die NSDAP erhält 44 % der Stimmen und hat mit Koalitionsfreunden die absolute Mehrheit.
30. Januar 1933:
Für das von Hitler angestrebte Ermächtigungsgesetz mit weitreichenden Vollmachten benötigt er im Reichstag eine Zweidrittelmehrheit. Mit Geschick und Versprechungen, die er nicht einhalten wird, stimmen mehr als 2/3 der Abgeordneten des Reichstages dem Ermächtigungsgesetz zu.
Der inzwischen 85-jährige Reichspräsident Hindenburg erhebt keinen Widerspruch. Er sieht keinen anderen Weg, als Hitler zum Reichskanzler zu berufen.
Das halbe Deutschland feiert mit Jubel diesen Tag. Der Weimarer Staat und damit der Rechtsstaat, ist untergegangen.
1934:
Tod Hindenburgs. Hitler übernimmt als Reichskanzler auch das Amt des Reichspräsidenten und ist damit Staatsoberhaupt.

Folgen der Machtergreifung durch Hitler:
Hitler beginnt, die Voraussetzungen für die uneingeschränkte Ausübung seiner Macht zu treffen, um sein lange geplantes Vorhaben zu realisieren, nämlich mehr als die nach dem Versailler Vertrag verlorenen Gebiete, sondern auch Lebensraum im Osten zu erobern. "Siedlungsraum und Rohstoffgebiete im Osten sind unentbehrlich für ein großes Deutsches Reich", so die Aussagen Hitlers.
Fakten, planmäßiges Vorgehen zur Erreichung der Ziele:
-
Per Gessetz werden SPD und KPD aufgelöst, die anderen Parteien lösen sich selbst auf. Es gibt nur noch eine Partei, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.
-
Gleichschaltulng - Gegner werden beseitigt, ermordet. Bildung der SS und Geheimen Staatspolizei. "Juden sind Ungeziefer - Slawen sind minderwertig" Es entstehen Konzentrationslager.

Mit einer ungezügelten Herrschsucht erreicht Hitler Erfolge:
Auf dem internationalen Parkett versteht es Hitler, mit Dipomatie besonders die Siegermächte Frankreich und England für seine Pläne zu gewinnen. Er schreckt nicht davor zurück, Verträge zu schließen, die er nur als Mittel zum Zweck benutzt und später wieder brechen wird, so z.B. den Nichtangriffspakt mit Stalin.
Hitlers Erfolge ergaben sich nicht zuletzt deshalb, weil das Ausland begann zuzugeben, dass die Anklage der Kriegsschuld gegen Deutschland ungerecht gewesen sei.
Die Entschlußkraft der Siegermächte war gelähmt; Tatenlosigkeit ermutigte Hitler für die folgenden Schritte nach der Parlo "Heim ins Reich":

1934 Nichtangriffspakt mit Polen für 10 Jahre
Januar 1935 Die Saarbevölkerung entschließt sich mit großer Mehrheit für die Rückkehr zum Reich
16. März 1935 verkündet Hitler die allgemeine Wehrpflicht und damit die vollständige Wiederaufrüstung
1936 Einmarsch deutscher Truppen ins Rheinland und in das Ruhrgebiet
1938 Reichskristallnacht - die Synagogen brennen - die Verfolgung der Juden beginnt
März 1938 Hitler erreicht den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich
1.10.1938
Die Deutsche Wehrmacht marschiert in das Sudetenland ein (Blumenkrieg)
März 1939 Deutsche Truppen marschieren in Prag ein - und Rückgabe des Memelgebietes
Frühjahr 1939 Verständigung mit Polen auf diplomatischem Wege scheitert
23. Aug. 1939 Freundschaftspakt (Nichtangriffspakt) mit Stalin. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilen sie Polen untereinander auf. Damit ist die vierte Teilung Polens beschlossen.




Mit den vorgenannten Schritten hatte Hitler den Versailler Vertrag endgültig "zerrissen".
Großdeutschland war geschaffen!
Der Weg für den Krieg gegen Polen und die Pläne für die Eroberung von Lebensraum im Osten waren nun frei.

Ein Ziel hatte Hitler nicht erreicht, nämlich die Verständigung mit England zur Vermeidung eines Zweifrontenkrieges.

1. September 1939
beginnt der Angriff auf Polen. Bereits am 5. Oktober 1939 kapitulieren die letzten polnischsen Verbände.
Als Verbündete Polens erklären zwei Tage später Frankreich und England Deutschland den Krieg.

Der verhängnisvolle Zweite Weltkrieg hatte begonnen!

Blitzkrieg über Frankreich:
Am 10. Mai 1940 brach die lange erwartete Offensive gegen Frankreich los. Deutsche Truppen überrannten Luxemburg und Belgien, die Niederlande und Nordfrankreich.
Britische Divisionen mit 200.000 Mann konnten sich in Dünkirchen nach England retten.
Nach sechs Wochen war Frankreich besiegt.
Hitler hielt nun alles für möglich. Er hielt sich für unfehlbar. Dies sollte fatale Folgen haben.

Der Angriff gegen Rußland:
Die Offensive gegen Rußland beginnt am 22. Juni 1941. Damit bricht Hitler den Nichtangriffspakt, den er mit Stalin geschlossen hat.
Der Deutschen Wehrmacht gelang es. russische Armeen aufzureiben und Westrußland zu besetzen. Schlamm, Regen, Schneefall und Eiskälte brachten den deutschen Angriff vor Moskau zum Stocken. Die russissche Gegenoffensive fügte dem deutschen Heer schwere Verluste zu.
Im Sommer 1942 hatten deutsche Truppen zunächst große Erfolge, die in Stalingrad gestoppt wurden. Die Sechste Armee unter General Paulus mußte in Gefangenschaft gehen.
Inzwischen war auch Amerika in den Krieg gegen Deutschland eingetreten.

Die Wende des Krieges war erreicht.
Der Rückzug der Deutschen Wehrmacht begann.

Der Krieg nimmt grausame Formen an:
Gegen das Hitlersche Regime haben sich nun England, Frankreich, Russland und die USA vereinigt. Auch mit einem hohen Einsatz von Menschen und Material und radikalen kriegerischen Maßnahmen ist das Ende des sogenannten "Dritten Reiches" nicht mehr aufzuhalten. die Vernichtung von Juden in den Konzentrationslagern nimmt schlimme Formen an.

Taktik der "verbrannten Erde"
Beim Rückzug der Deutschen Wehrmacht im Osten gibt Hitler den Befehl aus:
"Der Gegner müsse ein total verbranntes und zerstörtes Land vorfinden. Kein Mensch, kein Vieh, kein Zentner Getreide sollen zurückbleiben".
Dieser Befehl wurde von deutschen Truppen und nachfolgenden Einsatzkomandos aumgesetzt.

Gegenmaßnahmen der russischen Führung:
Den grauenvollen Rückzug der deutschen Truppen aus Russland nutzt die russische Führung zur Propaganda. Die politische Arbeit in der Sowjet-Armee zielt auf die
"Erziehung zum glühenden Haß gegen die faschistischen Okupanten. Man könne keinen Feind besiegen, den man nicht aus vollem Herzen hasse".
Das führte dazu, dass viele Rotarmisten bei der Besetzung Deutschlands in jedem Deutschen, ob Mann, Frau, Greis oder Kind einen Faschisten sahen. Darüber hinaus sehen die Sowjets jeden zurückgebliebenen Deutschen als Partisan mit geheimen Auftrag an.

Oktober 1944 Unbändiger Haß und die Propagandaparolen Stalins treiben die Soldaten der Sowjet-Armee gegen den faschischtischen Feind.

16. Oktober 1944 Beginn einer Großoffensive der Roten Armee durch die 3. Weisrussische Front mit fünf Armeen gegen die Ostgrenze von Ostpreußen.

19. Oktober 1944 brechen die Russen ins Reichsgebiet ein.
Die deutsche Verteidigung kann das Vordringen der Roten Armee zunächst aufhalten.

12. Januar 1945 Beginn der Offensive der ersten, zweiten und dritten Weißrussischen Front.
Am 26. Januar 1945 erreichen russische Angriffsspitzen die Eisenbahnlinie Königsberg-Dirchau und bei Tolkemit das Frische Haff - Ostpreußen ist abgeschnitten!

Die Sowjet-Armee
trifft nun auf die deutsche Bevölkerung - eine grausame Abrechnung, die alle trifft.
Millionen Menschen begeben sich im eisigen Winter auf die Flucht.
Anmerkung: Die deutsche Führung hat die Flucht zu spät zugelassen (Hinhaltetaktik). Oft blieb die Flucht bis zuletzt verboten. Bei einer rechtzeitig organisierten Flucht wäre das Ungrück in Grenzen geblieben.
Flüchtlingstrecks werden von der Front überrollt, andere wurden zu Hause von der Front erreicht, weil sie nicht auf die Flucht gegangen waren. Bis zum bitteren Ende glaubten diese Menschen "Ich habe nichts Böses getan, was kann mir schon passieren", ein Trugschluß, wie sich später herausstellte.
Das Schicksal der von der Front überrollten Zivilbevölkerung war hart.
Als die siegreichen sowjetischen Truppen und die begleitenden polnischen Verbände auf die ostdeutsche Zivilbevölkerung trafen, kam es zu Racheakten, die für die davon betroffenen Menschen alles bis dahin Erlebte in den Schatten stellte. Raub, Plünderung, Brandstiftungen, massenhafte Vergewaltigung von Frauen und die willkürliche Tötung Unschuldiger sind in einem solchen Maße begangen worden , daß in der Erinnerung vieler Flüchtlinge und Vertriebener diese Ereignisse das einzig Prägende der Schicksalsjahre 1944/1945 geblieben sind.

Verschleppung - Das leere Land - Vertreibung:
Männer, die Flucht und Front überlebt hatten und arbeitsfähige Frauen wurden nach Verhören in Sammellager gebracht und in unmenschlichen Zuständen nach Rußland zur Zwangsarbeit transportiert. Viele überlebten nicht den Transport oder kamen in den Arbeitslagern zu Tode.
Die verbliebene deutsche Restbevölkerung war auf sich allein gestellt und mußte sich aus eigener Kraft durchlagen. Jede verläßliche Ordnung fehlte. Es mangelte an allem, was eine Mindestversorgung ausmacht: Keine Lebensmittelzuteilungen, keine Informationsmittel, keinerlei Gesundheitsversorgung, keine Möglichkeit irgend etwas zu erwerben, keine Verkehrsmittel, keine Bewegungsfreiheit.
Ein Überleben war nur deshalb möglich, wei in den Kellern der verlassenen Häuser noch Vorräte zu finden waren.
Nach fast einem Jahr der Ungewißheit begann die Vertreibung der deutschen Bevölkerung, soweit sie Not und Elend überlebt hatte. Transporte in Viehwaggons wurden unter unmenschlichen Zuständen durchgeführt und gingen über eine Dauer von Wochen in Richtung Westen in eine ungewisse Zukunft. Die Vertreibung begann Ende 1945 und war 1947 überwiegend abgeschlossen.

Beurteilung von Historikern:
"Die Evakuierung (Vertreibung) und Flucht aus den Ostprovinzen des ehemaligen Deutschen Reiches, vor allem aus Ostpreußen, gehört zu den großen Katastrophen der abendländischen Geschichte".

Einsicht - Schlußbemerkungen:
"Die ostdeutschen Gebiete, das Land das "verloren gegangen" ist, war bereits verloren, als sich die Deutschen hinter Hitler stellten und zum Krieg bereit waren. Eine Erkenntnis, die für alle Betroffenen bitter ist.

Ein vereintes Europa ist nur denkbar auf der Grundlage guter und tragfähige Beziehungen und gegenseitigen Verstehens. Auch die dunklen Kapitel der gemeinsamen Geschichte dürfen dabei nicht verschwiegen werden, so auch nicht die Flucht und Vertreibung der Deutschen.

Im nachfolgenden Teil 2 unter dem Titel

Der Untergang von Tolkemit

wird auf der Grundlage von Tatsachenberichten geschildert, was sich nach dem Beginn der Offensive der Weißrussischen Front am 12. Januar 1945 in Tolkemit zugetragen hat. Auch darüber wie es weiterging, bis zur Vertreibung der letzten verbliebenen Bewohner Tolkemits im Jahre 1947 - bis zum Untergang von Tolkemit - für die Bewohner und deren Vorfahren, die eingebettet in die Preußische Geschichte, dort mehr als sechs Jahrhunderte lebten.

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