TOLKEMIT

Die Kleine Stadt am Frischen Haff

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Fortsetzung Tolkemit Damals - im Zeitraffer
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Der Untergang des deutschen Tolkemit Januar 1945

Die Katastrophe naht,
Das Schicksal nahm seinen Lauf

Chronologie der Ereignisse
(nach Tatsachenberichten)

am 12. Januar 1945

beginnt mit dem Einmarsch der Ersten, Zweiten und Dritten Weißrussischen Front in Ostpreußen und am Narew die russische Großoffensive.

Truppenbewegungen und Frontverläufe Anfang 1945

Die deutschen Wehrmachtsberichte ließen das Ausmaß der russischen Geländegewinne nicht gleich in vollem Umfang erkennen. Von den Behörden und der Partei wurde mit Durchhalteparolen eine Evakuierung der Zivelbevölkerung untersagt. In Tolkemit dachte zu diesem Zeitpunkt noch niemand an Flucht.

am 22./23. Januar

verbreiten sich Informationen, daß die Russen mit 16 bis 20 Panzern in Elbing sind und bis Cadinen vorgestoßen sein sollen.
Am Dienstag, dem 23. Januar kam die schockierende Meldung mit dem Abendzug der Haffuferbahn und den Berufstätigen in die Stadt, daß die Russen in Elbing eingedrungen seien und die Haffuferbahn in Englisch Brunnen beschossen hätten. Deutlich konnte man Einschüsse an der Lok und dem Tender feststellen.

Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch Tolkemit und noch in der folgenden Nacht setzte eine große Fluchtwelle ein. In panischer Angst wurde die Flucht vieler Familien in großer Eile vorbereitet. Weitsichtige Tolkemiter hatten schon in den letzten Tagen die wichtigsten Dinge gepackt.
Als Transportmittel boten sich Schlitten und auch Segelschlitten an. Man verabschiedete sich von Verwandten und Nachbarn, die Tolkemit noch nicht verlassen wollten und zog zum Hafen. Über die Rampe rechts neben der Mole ging man auf das Eis. Es war ein schweres Vorwärtskommen, da die Schneedecke auf dem Eis bei eisiger Kälte von minus 18 Grad sehr hoch war.
Es gab viele Tolkemiter, die sich bereits auf dem Eis befanden, dann jedoch wegen der Beschwernisse wieder umkehrten. Dieses geschah in der Hoffnung, es würde alles nicht so schlimm werden. Sie ahnten nicht, welche Leiden ihnen in der folgenden Zeit bevorstanden.
Die über das Haff geflüchteten Tolkemiter gelangten nach Strapazen auf die Frische Nehrung und schließlich auf dem Landweg oder mit einem Schiff von Danzig oder Gotenhafen in den sicheren Westen.

Tolkemiter flüchten mit dem Segelschlitten über das Haff

in der Folgezeit

wurde in Tolkemit eine Volkssturmeinheit aufgestellt, die vorstoßende Russen aufhalten sollte. Sie bestand aus alten Männern und Jünglingen, die mit einigen Gewehren und Panzerfäusten ausgerüstet waren. Aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse kam diese "Einheit" nicht zum Einsatz und löste sich von selbst auf.

am 24. Januar

gegen 22.00 Uhr dringt eine russische Vorhut unbemerkt in Tolkemit ein. Sie stießen auf keinen Widerstand, da sich in Tolkemit keine deutschen Soldaten befanden und der besagte Volkssturm schon in Auflösung war. Die russische Vorhut konnte jedoch von deutschen Truppen, die von Frauenburg kamen, abgewehrt werden und mußte sich zurückziehen. Viele Bewohner Tolkemits bemerkten erst am folgenden Tag, daß etwas eingetreten war, an das sie niemals geglaubt hatten.

am 26. Januar

erfolgt mit geballter Macht der Vorstoß russischer Truppen in Tolkemit. Russische Panzer stoßen bis zum Hafen vor; die Katastrophe begann.
Die in Tolkemit verbliebenen Einwohner suchten Schutz in ihren Kellern.Tag und Nacht kamen sie nicht mehr zur Ruhe. Russische Soldaten drangen in Häuser ein. Angst, Leid, Not und Tod werden zum täglichen Begleiter.

die Panzer haben nicht die Danziger Bucht erreicht, sondern den Hafen in Tolkemit!

Im Siegestaumel kam es zu erheblichen Brandschatzungen. Russische Soldaten zündeten mehrere Gebäude, die Jugendherberge und Schiffe im Hafen an. Im Zentrum der Stadt gingen das Rathaus und die Häuser am Markt, so auch das Hotel "Deutsches Hauss" in Flammen auf. Das alles geschah in der Dunkelheit des späten Abends; ein furchtbarer Anblick, den ich selbst als Achtjähriger erleben mußte. Zu dieser Zeit befanden wir uns im Keller des Schuhmachers Döben im Zentrum und waren daher direkte Zeugen der Geschehnisse. Geflüchtete Tolkemiter berichteten, daß sie die Feuersbrunst von der Nehrung aus mit Wehmut mit ansehen mußten.

Schiffe im Hafen brennen

Die Jugendherberge brennt

Russische Soldaten ergreifen Besitz
von allem was sie sehen und gefallen daran haben.
Die verbliebene Bevölkerung Tolkemits ist der Willkür der russischen Frontsoldaten ausgesetzt. Sie nehmen sich, was sie wollen. Besonders davon betroffen sind Frauen. Rücksichtslos und brutal wurden sie geschändet.

am 3. Februar

unternahmen deutsche Truppen den Versuch, von Frauenburg kommend zu den in Elbing eingeschlossenen Soldaten vorzustoßen. Das geschah mit Unterstützung der Eisenbahnflak, die auf den Schienen der Haffuferbahn Richtung Tolkemit fuhr und durch wenige deutsche Tiger-Panzer unterstützt wurde. Diese wohl zu schwache Streitmacht stieß auf starke russische Gegenwehr und konnte nur die Hälfte von Tolkemit östlich der Linie Accisenstraße/Vorderhaken für kurze Zeit erobern.

am 4. Februar

mußten sich die deutschen Truppen aufgrund der russischen Übermacht wieder in Richtung Frauenburg zurückziehen. Im Schutz dieser Truppen ergriffen viele Tolkemiter ihre letzte Chance, unter Mitnahme des Notwendigsten aus Tolkemit zu flüchten. Diese Menschen gingen über Felder und Gärten mitten durch Granatfeuer in Richtung Wiek und dann über das Eis zur rettenden Nehrung. Andere gingen mit den deutschen Soldaten bis Frauenburg und von dort über das Eis des Haffs zur Nehrung nach Kahlberg. Sie konnten sich noch im letzten Moment von der brutalen Gewalt der Russen befreien und gelangten in den sicheren Westen.

Russische Übermacht:

Die russische Armee hat ihr Ziel erreicht. Mit den Panzern der Zweiten Weißrussischen Front haben sie in einer Flügelbewegung noch Nordwesten die Küste des Frischen Haffs bei Tolkemit erreicht und damit die Provinz Ostpreußen vom Rest des Deutschen Reiches abgeschnitten.

nach dem 4. Februar

sind die - aus welchen Gründen auch immer - in Tolkemit verbliebenen 800 Bewohner endgültig der Willkür der russischen Besatzer ausgesetzt.
Die Spuren der kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen deutschen und russischen Truppen werden in diesen Tagen deutlich sichtbar; auf den Straßen tote Soldaten, erschossene Menschen, verendete Tiere, abgebrannte Häuser.

Der Untergang des deutschen Tolkemit ist nun endgültig besiegelt,
nicht zuletzt aufgrund der Beschlüsse der Siegermächte von Potzdam und Jalta.

Das Schicksal nahm seinen Lauf

Erste Maßnahmen der russischen Besatzer, Verschleppung:
Um die Restbevölkerung Tolkemits unter Kontrolle zu bringen, werden sie in einigen Häusern unter Bewachung russischer Soldaten zusammengefercht konzentriert. Diese Situation habe ich auch erleben müssen. Alleinstehende Frauen und arbeitsfähige Männer - so auch mein Vater - wurden ausgesondert und - ohne sich von den Angehörigen verabschieden zu können, nach Rußland verschleppt. Einige - so auch mein Vater - haben ihre Angehörigen wegen Todes nicht wieder gesehen.
Von den etwa 300 Menschen aus Tolkemit, die deportiert wurden, kamen ein Drittel auf dem Transport in die östlichen Weiten Rußlands, in Sibirien und am Eismeer in ungeheizten Viehwaggons bei eisiger Kälte, Hunger, Depressionen und Krankheiten ums Leben. Während des Lageraufenthaltes in Rußland bei schweren ungewohnten Arbeitsbedingungen, Heimweh und der Ungewißheit über den Verbleib der Angehörigen, brachten manchem den Tod. Nach unterschiedlichen Aufenthaltszeiten kamen die Deportierten, die ihre Qualen überlebten, in das restliche Deutschland zurück. Besonders hart traf das Schicksal auch hier die Frauen.

Tolkemit wird geräumt:
Weil Tolkemit bis Ende des Krieges Kampfgebiet war, wurden die restlichen Bewohner Tolkemits "evakuiert". Mitte Februar wurden sie zu Marschblöcken zusammengestellt und bei großer Kälte und hohem Schnee bis in die Nähe von Preußisch Holland (Steegen/Kaymen) getrieben. Hier mußten sie unter unwürdigen Verhältnissen kampieren. Täglich begann für sie der Kampf mit dem Hunger, den nun auftretenden Krankheiten und den Vergewaltigungen. In der Sorge um ihre Kinder haben die Mütter und Frauen trotz der vielen Belästigungen durch die Russen Unmenschliches geleistet.

Gut Kaymen, Verbannugsort der Tolkemiter ab Februar 1945

Rückkehr in die tote Stadt:
Anfang April begann die Rückkehr der bei Kälte und Schnee zwangsevakuierten Tolkemiter. Von Steegen/Kaymen ging es in mehreren Gruppen zurück nach Tolkemit, in der Hoffnung, wieder in bessere Verhältnisse zu gelangen. Bei der Ankunft in Tolkemit war die Enttäuschung groß. Die Rückkehrer fanden katastrophale Verhältnisse vor. Kaum eine Familie konnte in ihr Haus oder ihre Wohnung zurückkehren. Die Russen hatten in den vergangenen Monaten furchtbar gewütet. Alles war verdreckt und zerstört. Sogar die Kirche hatte man als Pferdestall benutzt! Man begann sich einzurichten. Platznot gab es nicht. Es begann ein erneuter Kampf ums Überleben. Jeder war sein eigener Versorger. Von den Russen war nichts zu erwarten, denn sie hatten selber kaum etwas. Es hieß wieder einmal "organisieren". Darunter verstand man, in den leerstehenden Häusern und ehemaligen Geschäften Keller und Räume zu durchsuchen, um noch etwas Eßbares zu finden. Ohne jegliche Perspektive, von der Außenwelt abgeschnitten, lebte man in den Tag hinein, in der Hoffnung, daß es nur noch besser werden könnte und die alte Ordnung in Tolkemit wieder eintreten würde.

Wie ging es weiter?
Niemand wußte zu diesem Zeitpunkt, daß die Siegermächte in Potzdam und Jalta in Beschlüssen einseitig festgelegt hatten, daß die polnische Westgrenze entlang der Oder-Neiße-Linie verlaufen sollte. Außerdem beschlossen sie die "Aussiedlung", also Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den deutschen Gebieten östlich dieser Linie. Dazu gehörte auch die Bevölkerung Tolkemits.

Alles, was nun in Tolkemit geschah und die Rückkehrer aus Steegen/Kaymen ebenso wie 12 Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten erleben und erdulden mußten, wurde nun nach den Beschlüssen der Siegermächte vollzogen.

Die nächsten Schritte waren daher:

Der Abzug der russischen Besatzer
Bevor sich die Russen zurückziehen, sammeln sie alles, was ihnen "für den Fortschritt in der UDSSR" wichtig war, zusammen. Die Deutschen mußten helfen, Klaviere, Fahrräder, Nähmschinen, Polstermöbel etc. zur Sammelstelle auf den Saal von Lemke zu transportieren. Schließlich brachte man das gesamte Beutegut auf die noch im Hafen liegenden funktionsfähigen Lommen und Schoner. Diese Schiffe wurden dann unter Hilfe einiger Tolkemiter Schiffer nach Königsberg überführt.
Die gesamte Armada von etwa 50 Lommen und Schonern, die in Tolkemit überwintert hatten war durch die Kriegseinwirkungen und die Beschlagnahme verloren gegangen, so daß sich nun im Hafen kein Schiff mehr befand.




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