Tolkemit Damals - im Zeitraffer
Teil 4
Der Untergang des deutschen Tolkemit Januar 1945

F o r t s e t z u n g 1

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Die polnische Verwaltung:
Nach dem Abzug der russischen Soldaten verblieb bis zum Übergang auf die polnische Verwaltung in Tolkemit noch eine russische Kommandantur.
Gemäß der Beschlüsse der Siegermächte wurde das Gebiet Ostpolens der Sowjetunion zugesprochen. Die dort lebende polnische Bevölkerung wurde daher zwangsweise in die nun freiwerdenden deutschen Ostgebiete "umgesiedelt", also auch aus ihrer angestammten Heimat vertrieben.
Die sogenannte Umsiedlung der betroffenen Polen begann im Frühsommer 1945. Zunächst kam die polnische Verwaltung mit einem polnischen Bürgermeister und der Miliz. Die Polen, die diesem Kader angehörten, waren ausgesprochene Deutschhasser. Die verbliebenen 800 Tolkemiter wurden von diesen Polen bei jeder sich bietenden Gelegenheit schikaniert. Dies kann ich aus eigenem Erleben bestätigen. In besonders schlimmen Fällen schritt auf Bitten von betroffenen Tolkemitern die noch vorhandene russische Kommandantur ein.

Nach und nach trafen die aus Ostpolen umgesiedelten Familien in Tolkemit ein. Diesen Polen wurde es überlassen, sich ein Haus, Laden oder Gewerbebetrieb auszusuchen. Wenn deutsche Familien ein solches Haus bewohnten, mußten sie es räumen. Die verbliebenen deutschen Menschen wurden zweit- oder drittklassig behandelt; sie waren völlig rechtlos und den Anordnungen der polnischen Verwaltung bedingungslos ausgesetzt. Dies führte auch dazu, daß die katholischen Tolkemiter ihre Kirche, in der sie getauft wurden und andere Sakramente empfingen, nicht mehr betreten durften. Die Kirche war nur noch den Polen vorbehalten. Wo blieb hier die christliche Nächstenliebe?

Wieder einmal mußten die verbliebenen Tolkemiter viel Leid und Elend ertragen. Die Versorgung mit Lebensmitteln war sehr mangelhaft. Ich selbst kann mich nur daran erinnern, daß es möglich war, unzureichend Brot zu bekommen. Im übrigen mußte man sich wieder einmal recht und schlecht durchschlagen. In den Sommermonaten lebte man auch von den Früchten in den Gärten und auf den Feldern. Es kam zwangsläufig zur Unterernährung, von der insbesondere Kinder und alte Menschen betroffen waren. Hunger und Krankheiten führten besonders bei älteren schwachen Menschen zum Tode. In solchen Situationen gab es weder einen ärztlichen und geistlichen Beistand. Die Beerdigungen der Verstorbenen erfolgten zuerst noch im Sarg. Später hüllte man die Leichen in Leinentücher und begrub sie mit einem Gebet.

Ungewisse Zukunft:
Keine Nachrichten, keine Verbindung zur Außenwelt. In Tolkemit eingehende Post für die in der Stadt Verbliebenen wurde von der polnischen Behörde vernichtet. Es herrschte völlige Ungewißheit über das Schicksal der Angehörigen, die geflüchtet waren oder sich im Kriegsdienst befunden hatten.

Bald wurde den verbliebenen Tolkemitern bewußt, daß es für sie in ihrer Heimat keine Überlebenschance mehr gab. Ein Selbstbestimmungsrecht war ihnen nicht gegeben. Sie waren nach wie vor von der polnischen Verwaltung abhängig und warteten nun darauf, ihre fatale Situation durch eine Ausreise in den Westen beenden zu können.

Vertreibung aus der Heimat:

Am 19. November 1945
durfte mit polnischer Genehmigung eine Gruppe von etwa 100 Personen Tolkemit verlassen. Zu dieser Gruppe gehörte auch ich mit meiner "Restfamilie" und Verwandten. Da die Zugverbindung zwischen Tolkemit und Elbing noch unterbrochen war, mußten wir die Wegstrecke von 24 km nach Elbing mit der bescheidenen Habe, die uns noch geblieben war, zu Fuß zurücklegen. Bevor wir zur Weiterreise in Richtung Westen in Viehwaggons "verladen" wurden, mußten wir uns in Elbing einer Leibesvisitation unterziehen, bei der uns noch Kleidungsstücke und Geld unter unwürdigen Bedingungen und Drohungen abgenommen wurden.

Unser Transport, der über Küstrin (Zwischenlager) schließlich in Mecklenburg-Vorpommern landete, dauerte etwa 3 Wochen. Näheres hierzu kann auf der Seite

Flucht und Vertreibung - Zeitzeugen berichten

nachgelesen werden.
Hier finden Sie zunächst eine Bericht von Leo Liedke über seine Erlebnisse, danach einen Bericht von mir (Redakteur dieser Homepage) unter "Zeitzeuge Helmut Lingners" (Interwiev mit Schülern der Gesamtschule Vellmar) und weiter unten unter der Überschrift: "Hier der Bericht von Helmut Lingner, wie er in Tolkemit den Einmarsch der Roten Armee erlebte".

Ebenso gelangen Sie hier unter "Schicksalsjahr 1945" auch auf die Seite, auf der im Teil 1 einiges über "Vorgeschichte - Ursachen - Hintergründe" zu erfahren ist. Außerdem enthalten diese Seiten einige interessante Bilder.

DAS SCHICKSAL
NAHM SEINEN LAUF

Unter diesem Titel hat Leo Lindner , Hamburg, im Jahre 1999 ein Buch herausgegeben, das "vom großen Leid der kleinen Stadt Tolkemit am Frischen Haff" berichtet.

Er selbst hat das Vorwort und unter dem Titel "Der Untergang von Tolkemit" ausführliche Darstellungen verfaßt. In diesem Buch kommen auch weitere 15 Bewohner Tolkemits zu Wort, die über ihren Schicksalsweg, der Ende Januar 1945 mit dem Einfall der Russen begann, berichten.

Am Ende des Vorwortes sagt Leo Lindner:
"Es war schwierig, dieses Buch fertigzustellen. Viele angesprochene Zeugen der damaligen Zeit waren nicht bereit, über ihre Erlebnisse zu berichten. Zu schlimm war das Erinnern an diese furchtbare Zeit. Andere sind schon nicht mehr am Leben. Allen, die dazu bereit waren, ihre Erlebnisse in diesem Buch zu veröffentlichen, gebührt ein großes Lob und besonderer Dank.
Ein Ehrenbuch von Tolkemitern soll es sein. Vielleicht kann es auch ein Lerhrbuch für viele andere Menschen werden".

Anmerkung der Redaktion:
Wir danken Leo Lindner für die vielen Mühen und die Zeit, die er für die Herausgabe des Buches in Kauf genommen hat. Das "Ehrenbuch", wie er es nennt, ist ein Dokument, das mit den Berichten der Zeitzeugen unvergessen bleiben wird und für die Nachfahren/Nachwelt von unschätzbaren Wert ist.

Helmut Lingner

Im vorangegangenen Teil habe ich bereits Informationen dem Buch "Das Schicksal nahm seinen Lauf" entnommen. Im folgenden Abschnitt werde ich darüber hinaus eindrucksvolle Passagen der Zeitzeugen und wiedergeben:

Einband Vorderseite - Flucht aus dem brennenden Ostdeutschland - Gemälde von Theo Dietrich-Dorsch Einband Rückseite - Flüchtlingstreck auf dem Haff von Prof. Eduard Bischoff

Im Buch von Leo Lindner


DAS SCHICKSAL NAHM SEINEN LAUF
vorangestellt:

Bewohner aus der kleinen Stadt am Frischen Haff
berichten über ihren Schicksalsweg, der Ende Januar 1945
mit dem Einfall der Russen begann.

Unvorstellbare Not und furchtbare Leiden
der Zivilbevölkerung waren die Folge.
Hunger und Krankheiten brachten vielen Bewohnern
den Tod. Von den zur Zwangsarbeit nach Rußland
Verschleppten überlebten nur wenige.

Alle Qualen waren umsonst.
Die Tolkemiter wurden vertrieben
und verloren ihre Heimat.


In stillem Gedenken
an alle
Tolkemiter,

die im Verlauf des unseligen Krieges
an den Fronten starben,

die von den Russen beim Eindringen
1945 getötet wurden,

die während der Flucht, der Vertreibung
und der Verschleppung ihr
Leben ließen,

sowie derer, die an Hunger und
Krankheiten starben.

Es folgen kurze Ausschnitte aus Berichten, die Tolkemiter als Zeitzeugen zur Veröffentlichung im Buch "Das Schicksal nahm seinen Lauf" zur Verfügung gestellt haben:


Kleingeist, Irmgard, Jahrgang 1936, aus Tolkemit, Jugendherberge
Wir gingen Mit den Soldaten
. . .
Meine Eltern waren in Tolkemit die Herbergseltern der neu erbauten Jugendherberge, die außerhalb der Stadt hoch über der Küste des Frischen Haffs stand.
. . . mein Vater war eingezogen. wir sind bereits am 21.Januar 1945 nachts mit den abziehenden deutschen Soldaten nach Heiligenbeil geflüchtet. Von Heiligenbeil ging es mit einem Treck über das zugefrorene Haff. . . . auf dem Weg wurden wir ständig von Flugzeugen beschossen. . . . am 11. Februar gelangten wir mit einem Schiff von Kahlberg nach Gotenhafen. Von Danzig mit dem Zug über Schwerin nach Saalfeld/Thüringen. Von dort im Herbst 1946 in den Raum Hannover, nach einer weiteren Verteilung nach Hohenhameln.

Splieth Leo, Jahrgang 1931, aus Tolkemit, Neuer Weg 10
Wir zogen mit dem Schlitten los
. . . 23. Januar 1945 abends . . . Tante Justine Radau klopfte an die Tür . . . sie rief: aufstehen, der Russe hat schon den Abendzug in Elbing beschossen . . . wir hatten uns schon ein paar Tage vorher einigermaßen vorbereitet, indem wir schon etwas gepackt hatten. Es wurde für zwei Familien ein großer Fischerschlitten bepackt. . . . so fuhren wir bis zum Hafen. Auf der linken Seite, wo sich eine Rampe befand gingen wir aufs Eis. . . . der Frost schnitt uns bei 18 Grad in die Glieder. Es mußte eine Fahrrinne, die ein Eisbrecher durch das Eis gebrochen hatte, überwunden werden. . . . etwa um MItternacht kamen wir glücklich in Kahlberg an. . . wir haben abends gesehen, wie auf der anderen Seite des Haffs etwas in Flammen aufging und konnten uns nicht vorstellen, daß es in Tolkemit war. . . . die Lage wurde immer schlimmer Weiter ging es über Bodenwinkel, Stutthof nach Danzig. . . . wir blieben bis 23.3. in Danzig . . . wir gingen unter Beschuß über Langgarten nach Neufähr, um mit einem Schiff zu entkommen. . . . mit einem Hochseeschlepper kamen wir bis Hela, mit einem großen Schiff über die Ostsee glücklich nach Rostock. . . . Letzlich landeten wir in Elmshorn in Schleswig-Holstein - wir hatten endlich ein Dach über dem Kopf und waren zufrieden.

Klein, Jakob, aus Tolkemit, Vorderhaken, gestorben in Pinneberg
Flucht mit dem Segelschlitten übers Haff
. . . 22. Januar 1945 . . .19.45 Uhr . . .Papa, die Frau hat soeben vom Ortsbauernführer den telefonischen Bescheid bekommen, daß die Russen mit 16 bis 20 Panzern in Elbing sind und einige sollen sogar in Gr. Rödern bzw. Cadinen sein . Die Stadt Tolkemit müßte augenblicklich geräumt werden. . . Es war wesentlich, daß wir auf Anraten eines Hauptfeldwebels für jeden einen Rucksack angefertigt hatten. . . . den Rest des Abendessens auf dem Tisch stehen lassend wurde jedem rasch ein Teil von seinen Plünnen sowie Lebensmittel für kurze Zeit in den Rucksack gestopft . . . ich lief zur Vordertür und da sah ich schon eine lange Schlange zum Haff ziehen . . . und verließen dann ebenfalls weinend das Haus . . . Am Strand im Erlenwäldchen sahen wir schon die lange schwarze Schlange der flüchtenden Menschen auf dem Eis, die Kahlberg zustrebten. . . . mein Segelschlitten stand am Strand . . zu viele wollten mitfahren, mit Gewalt mußte ich mir den Platz am Steuer erkämpfen. . . durch anfängliches Mitschieben brachten wir den Schlitten in Gang. Als die Segel Wind schöpften, jagte er tatsächlich mit aller Last durch den Schnee bis zur Eisbrecherrinne . . . Schleper setzten die Flüchtlinge über die Rinne aufs feste Eis. . . . trafen wir um 3.30 Uhr auf der Nehrung ein. . . um 5 Uhr kam der Befehl, Kahlberg sorfort zu räumen . . . mit Minensuchbooten ging es von Kahlberg nach Neufahrwasser . . . es gelang uns, in einen Lazarettzug einzusteigen. . . mit Schwierigkeiten kamen wir mit diesem Zug über Gotenhafen nach Stettin. . . von hier aus sind wir mit einem Flüchtlingszug über Pasewalk, Greifswald Stralsund, Rostock, Wismar, Lübeck schließlich nach Pinneberg gekommen.

Kriak, Christel, Jahrgang 1933, aus Tolkemit, Frauenburger Straße
Erinnerungen an die Flucht
Wir gingen von der Heimat fort, dem Schrecken wollten wir entfliehen. Doch zu spät, zu spät für viele, vom Feind gefangen, nie wieder hat man sie gesehen.
Wir hörten das Zischen der Kugeln, Donner rollte über uns hinweg. Der Feind war in unser Städtchen eingedrungen, Soldaten liefen stumm an uns vorbei. Wir versuchten uns im Kampf zu retten. Die Gesichter waren jung und angsterfüllt.
Nur ein einziger Ausweg blieb für uns in äußerster Not. Unser Frisches Haff, das Eis, die Nehrung, ein Ausweg nach Westen. Durch hohen Schnee und Kugelhagel, der Weg bis zum Haff war endlos und schwer.
Unsere große Angst war auch dann noch nich beendet. Im Tiefflug fiel der Feind mit Kanonen und Bomben über uns her. Wir lagen im Schnee und Schreie überall, mancher von uns ließ nun sein Leben.
Zur damaligen Zeit war ich ein Kind. Mein Handeln in der Todesangst war von dem Gedanken geprägt zu Üeberleben. Auf diesem schweren Weg war mein Begleiter Gott, manches Gebet kam über meine Lippen.
Gerettet!, mit der Nehrung erreichten wir das Land. Wir folgten nun dem Treck von vielen Menschen in einer bitter kalten Nacht. Doch all das Leiden und die Angst nahmen noch lange kein Ende.

Seeger Johannes, Jahrgang 1891, Töpfermeister, aus Tolkemit, gest. 1967 in Heitersheim
Flucht vor den Horden
. . . am 24. Januar 1945 kamen sie von der Neukirch-Höhe . . . die Straßen entlang wurde mit Maschinenpistolen geschossen. Schon lagen die ersten Zivilpersonen tot auf den Straßen. Die Russen drangen in alle Häuser ein. . . . der Czujak, er lag totgeschossen an seinem Küchenherd, verbrannte mit seinem Haus. Drei Häuser weiter brannte das Haus von Neumanns. Nun gab es kein entweichen mehr. Viele Bürger waren in Kellern eingesperrt. Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Biegel und Kirschning waren geflohen. . . . viele Frauen und Mädchen schon ab 10 Jahre, aber auch Frauen von 60 bis 70 Jahre wurden vergewaltigt. Es kam Entlastung durch deutsche Truppen mit Panzern . . . es brannten die Häuser von Weiß und Kolberg.. . . am 4. Februar deckte ein Eisenbahngeschütz die Flucht nach Frauenburg, von dort ging es übers Eis des Haffs zur Nehrung nach Kahlberg. . . . weiter über die Weichsel über Marienhöhe nach Lauenburg/Pommern, dann mit einem Lastwagen nach Solpmünde. Von dort bei Windstärke 11 bis 12 über die Ostsee über Swinemünde nach Stralsund. Weiter durch Mecklenburg und Schleswig-Holstein in ein Lager nach Dänemark. Am 6. Februar 1947 ging es endlich zurück nach Deutschland. Unser Transport ging bis Lahr in Baden und schließlich nach Müllheim in der französischen Zone.

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