Tolkemit Damals im Zeitraffer
Teil 4

Der Untergang des deutschen Tolkemit Januar 1945

F o r t s e t z u n g 2

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Russische Flugzeuge bombardierten Flüchtlinge auf dem Frischen Haff

Unbekannte Frau aus Tolkemit
Die Not war groß
Anfang 1945 kam ich aus familiären Gründen von Königsberg nach Tolkemit und war dort bei meiner Nichte. Dort wurden wir durch russische Truppen eingeschlossen.
Ich berichte hier Fälle, - einige von unzähligen - die ich persönlich erlebte und zum Teil unter eigener Pflege und Betreuung, denn ich trug meine Zeugnisse einer Universitätsklinik, für die ich lange Jahre tätig war, bei mir. Von diesen Stempeln sehr beeindruckt, wurde mir von dem Ortskommandanten die Einrichtung eines Krankenheims befohlen, so daß ich wohl einen tieferen Eindruck in den Leidensweg der deutschen Frau im Osten bekommen habe.
Wir hausten, mitunter mit bis zu 30 Menschen in einer Stube, auf Stroh. Die Möglichkeit zur Körperpflege war ausgeschlossen. Kopf- und Kleiderläuse wurden von den russischen Soldaten ständig neu beschert.
Durch Hunger und Strapazen fing Typhus an, um sich zu greifen. Eisige Kälte, dauerndes Umhergetriebenwerden, das Begraben von Tier- und Menschenleichen, alles war ertragbar. Was aber als unsägliches Grauen Tag und Nacht vor uns stand, waren die tierischen Vergewaltigungen, denen alle weiblichen Wesen im Alter von 10 bis 85 Jahren ausgesetzt waren. Da immer wieder Verschleppungen von Mädchen und Frauen ins Innere Rußlands oder zum Bau von Straßen erfolgten, wurden die Reihen der jüngeren arbeitsfähigen weiblichen Deutschen immer lichter. Dagegen kamen aber unaufhörlich frische russische Truppen auf dem Marsch zum Kampf um Berliln durch, die sich dann jedesmal ihre Beute an den noch vorhandnen Nahrungsmitteln und vor allem an Frauen suchten.

Guder, Hildegard, geb. Wilke, Jahrgang 1935, aus Tolkemit, Am Amtsberg 14
Vom warmen Kachelofen bis zur Vertreibung
Hildegard Guder, damals 9 Jahre alt, berichtet über ihre Erlebnisse mit ihrer Familie, sie, die Mutter, Bruder Franz, 12 Jahre, Gerhard 6 Jahre, Schwester Ursula 11 Jahre. Außerdem war ihre Oma, 83 Jahre, bei der Familie. Der Vater war im Krieg und der Bruder Kurt, 15 Jahre, befand sich zu dieser Zeit in Elbing in einer Lehre und konnte kriegsbedingt nicht mehr nach Tolkemit zurückkehren.
21. Januar 1945, der letzte Sonntag friedlich zu Hause. . . auf dem Markt rief der Bürgermeister: "Rette sich wer kann, die Russen kommen". . . Franz riß die Tür auf und sagte: "Wir müssen flüchten". . . wir packten in Eile einiges ein und packten alles auf eine Handschlitten. . . nun zogen wir am Abend mit dem vollgepackten Handschlitten in Richtung auf das zugefrorene Haff. . . vor uns sahen wir eine richtige Völkerwanderung von Flüchtlingen. . . als wir nun bei eisiger Kälte und hohem Schnee auf dem Haff standen, meinte unsere Mutter: "Laßt uns lieber umkehren, damit wir nicht einbrechen oder erfrieren. . . . alle waren damit gleich einverstanden und wir kehrten um, ein Trugschluß, wie sich später herausstellte.
. . . von den Dörfern zogen noch die Trecks mit ihren Plan- und Leiterwagen durch unser Heimatstädtchen, das bereits viele Tolkemiter verlassen hatten. . . Dann kam der Tag, an dem das Schießen immer näher kam. . . in der Nacht vom 25. zum 26 Januar 1945 brach der Russe in Tolkemit ein. . . . Gegen 8 Uhr morgens hörten wir die ersten Stimmen am Fenster rufen: "Meister, Meister, Frietz, komm raus!". Nun waren sie bei uns drinnen. Von da an blieb unsere Haustür nicht still stehen. . . vor allem suchten sie nach versteckten Soldaten. Jeder wollte eine Uhr. Oma mußte ihre goldene Kettenuhr hergeben.
Jeder Tag begann mit Angst und Schrecken. Meine Oma (Vaters Mutter) lebte allein in ihrem Häuschen. Die ersten Russen schlugen sie gleich tot. . . Aus unserem Haus holten die Russen einen jungen Mann ab . . . wir wagten es gar nicht rauszugucken. Dann plötzlich ein Schuß . . . einen Genickschuß hat er bekommen und seine Augen blieben weit geöffnet. . . Seine Mutter konnte dieses Leid nicht ertragen, sie erhängte sich.

Nun trat für drei Tage Stlle ein. Wir schöpten neue Hoffnung . . . Für kurze Zeit hatten deutsche Soldaten Tolkemit zurückerobert.
Es begannen wieder schwere Kämpfe, bis die Russen Tolkemit endgültig in ihrer Hand hatten. Viele Häuser, besonders am Markt standen in Flammen. In den Folgetagen wurden wir mit vielen anderen in einem Haus in der Herrenstraße untergebracht, das von einem russischen Posten bewacht wurde. Von hier aus begannen die ersten Trennungen und Verschleppungen von Frauen und Männern. . . Nun begann täglich das Plündern und Vergewaltigen. . . . Der Schrei der Frauen war schlimmer als das Schießen.
Im Februar 1945 wurde die Familie, wie die anderen restlichen Tolkemiter nach Steegen/Kaimen "evakuiert". Hier galt es, viel Leid, Hunger, Krankheit zu überleben.
Im April 1945 ging es wieder zurück. Es folgte ein schwere Zeit, wie sie bereits an anderer Stelle beschrieben wurde.
Die Familie gehörte zu den ersten verbliebenen Tolkemitern, die am 19. November 1945 Tolkemit verlassen konnten. Es ging zu Fuß nach Elbing und dann in einem Viehwaggon über ein Zwischenlager in Küstrin nach Demmin in Vorpommern. Die Familie mußte den Aufenthaltsort noch mehrmals wechseln
. . . Am Heiligen Abend 1945 saßen wir alle am offenen Kachelofen, ein traurige Heiligabend. . . . Ende Frebruar rafften wir uns wieder auf, mit dem Gedanken, in den Westen Deutschlands zu kommen. Über Berllin, einem Lager in Gera, ging es zunächst in das Dorf Kahmer, Kreis Greiz in Thüringen. Hier lebte sie in einer Baracke. Über das Rote Kreuz erfuhr sie, daß Vater und Bruder Kurt am Leiben sind. Die Freude war groß.
. . . Am 5. Januar 1947 verließen wir nachts still und heimlich, jeder mit einem Bündel auf dem Rücken unsere Baracke. Nun ging es in der Kälte zur neuen Flucht.
Über Heiligenstadt und die Zonengrenze gelangte die Familie in die britische Besatzungszone. Von dort in das Durchgangslager Friedland. Danach in das Lager nach Üelzen und schließlich nach Salzgitter-Immendorf, wieder einmal in ein Lager in dürftigen Verhältnissen.
Das lange Lagerleben hatte am 13. Mai 1947 ein Ende. Nach einer Zwischenlösung fand die Familie im Dorf Vallstedt Kreis Braunschweig endlich eine Wohnung. Inzwischen hatte man auch den Bruder Kurt, der in Hamburg gelandet war, besucht und ein Wiedersehen gefeiert. . . . Gott sei Dank, hatten wir Glück, daß im gleichen Jahr im Mai unser Vater aus der Kriegsgefangenschaft kam. Das Ersehnte war Wirklichkeit geworden! Unsere Familie war wieder zusammen!

Tagebuchblätter

Ich stehe am Zaun der Erinnerung -
Blätter - hat der Wind,
Menschen - das Schicksal verweht!

Ich stehe am Zaun der Erinnerung -
Blätter - mit Worten beschrieben, gesammelt
- die Zeit -, wo ist sie geblieben!

Ich stehe am Zaun - er ist keine Grenze.
Menschen - Jahre - Worte - Blätter -
gehen, wehen, vorbei, er hält sie nicht!
Ich stehe am Zaun der Gedanken nur - !
Die Tagebuchblätter vom Erinnerungsland,
er ist - mein Heimatland!

Von dort, - kein Brief, kein Zeichen,
fremde Menschen im Land,
in dem wir geboren.

Die Geschichte jagte uns fort;
wir haben die Heimat verloren!

Albert Berg

Stobbe Rosemarie, Jahrgang 1935 , aus Berlin
Wir haben überlebt
Zum Schutz vor Bombenangriffen gelang der Familie Stobbe im Frühjahr 1943 die Genehmigung für die Evakuierung von Berlin nach Tolkemit zu bekommen. Die Familie, Vater, Paul Noske und Mutter Magdalena, geb. Lindner, beide stammten aus Tolkemit. Sie waren 1927/29 nach Berlin "ausgewandert", der Sohn geb. 1934, die kleine Schwester geb. 1942 und Rosemarie Stobbe. Bezugspunkt in Tolkemit waren die Großeltern, die noch in Tolkemit lebten.
Rosemarie Stobbe berichtet von einer unbeschwerten und schönen Zeit in Tolkemit. Im Sommer 1945 empfing sie und ihr Bruder, wie andere etwa 100 Tolkemiter Kinder ab einem Alter von 6 Jahren, dies war eine weise Voraussicht der Geistlichkeit - ich selbst gehörte auch dazu, die Erste Hl. Kommunion.
Im Januar 1945 ging diese schöne Zeit für Rosemarie und ihre Familie jäh zu Ende. Die Mutter war kurz davor noch einmal nach Berlin gefahren, um dort lebende Verwandte zu unterstützen. Sie kehrte nach Tolkemit zurück, um auch die Kinder nach Berlin zu holen.
am 23. Januar 1945
fuhren sie mit dem Zug nach Elbing. . . . mit einem Lastkraftwagen ging es weiter in Richtung Danzig. . . . vor Dirschau blieb der Lastwagen endgültig stehen. . . . wir schlossen uns einer merkwürdigen Truppe an. Es waren ausgemergelte, zurlumpte Gestalten, es waren KZ-Häftlinge aus dem Lager Stutthof. . . . so kamen wir zum Bahnhof von Dirschau. . . . weil Züge nach Berlin von Tieffliegern bombardiert wurden, stiegen wir in einen Zug nach Danzig. . . . bei Verwandten konnten wir erst einmal unterkommen und uns etwas erholen. In den folgenden Tagen erlebten wir die ersten Bomenangriffe auf Danzig. . . . Auf ein Schiff wollten wir nicht gehen. Wir hatten Angst, zumal wir von dem Untergang der "Gustloff" gehört hatten. Selbst in den Hafen kamen die Tiefflieger und schossen auf alles, was sich bewegte. . . . die Luftangriffe wurden immer stärker . . . wir gingen in einen Luftschutzbunker . . . das Haus über uns brannte . . .alle vier Richtungen waren versperrt . . . Mutter wurde im Rauch ohnmächtig . . . Menschen sprangen ins Wasser oder wurden vom Sog der Flammen ins Feuer gezogen . . . die Angst und die Not, die uns hier traf, kann man sich nicht vorstellen. Irgendwie gelang es uns, durch die Feuersbrunst zu entkommen. Danzig war zu etwa 80 % zurstört. . . . wir wagten uns an das Tageslicht. Die Luft war gelb, voller Schwefel. Keine Sonne war zu sehen. Im Hafen brannten Schiffe. Kein bewohnbares Haus weit und breit. . . .dann sahen wir die ersten Russen . . . überall lagen Tote . . . Gott sei Dank war es Frühling und damit auch wärmer . . . in der Nähe des Hauptbahnhofs kamen wir kurzfristig in einem Buner unter . . .vor dem Bunker lagen verbrannte Menschen. Sie waren so klein wie Kinder. Am Eingang stapelten sich die Leichen. Es stank bestialisch. . . . wir gingen erneut auf die Suche nach einer anderen Herberge. . . . in der beschädigten Marienkirche schlugen wir an einem Seitenaltar unser neues Lager auf. Wir schliefen auf Bänken und unter dem Altar. . . . immer auf der Suche nach Eßbarem So fanden wir in einem Keller ein Faß mit gepökelten Rinderzungen . . langsam ging es mit den Aufräumarbeiten los, wobei Deutsche helfen mußten. Inzwischen hatten wir Ende Mai und irgend etwas mußte geschehen . . . gehen wir in Richtung Reich oder zurück nach Tolkemit? Opa sagte bloß immer, er wolle in der Heimat sterben . . . bei den Cousinen meiner Mutter wurden die Kinder krank. Von fürnf Kindern blieben zwei übrig. Sie ruhen neben der Marienkirche. Wir beschlossen, zurück nach Tolkemit zu wandern. . . . auf einen zweirädrigen Kastenwagen wurden die wenigen Habseligkeiten verladen. . . . An einem sonnigen Tag brachen wir auf . . . jeden Tag gingen wir 12 bis 20 Kilometer. . . . wir schliefen in leerstehenden Häusern auf Stroh . . . untewegs trafen wir viele Kolonnen mit deutschen Gefangenen . . . eine Tagesstrecke vor Elbing fanden wir eine Kuh die Milch gab. Tante Hanna konnte melken und so hatten wir fast einen Eimer voll Milch. Welch eine Delikatesse! . . . so standen wir nach längerem Marsch in den Trümmern von Elbing.

Was würden wir in Tolkemt vorfinden? Unsere Stimmung sank. von weitem hörten wir Kanonendonner, und wir waren voller Unruhe und Ungewißheit. Es war der 1. Mai 1945. Ob es nur Freudenschüsse zum Tag der Arbeit waren? Der Krieg war ja noch nicht vorbei!
In Tolkemit angekommen, zogen wir die Elbinger Straße entlang zur Ortsmitte. Das Rathaus und die Häuser rund um den Markt waren abgebrannt. Zur Frauenburger Straße und zum Hintehaken wagten wir uns gar nicht und schlugen die Richtung nach Neukirch-Höhe ein und wurden dann von einer Horde betrunkener Russen auf ein einsames Gehöft getrieben. Es folgte eine von vielen "schwarzen Nächten". Pausenlos Vergewaltigungen von Mutter und Tanten . . . Als es schummrig war, machten wir uns leise in Richtung "Hütte" davon. Das Dorf war wie ausgestorben. In einem leerstehenden Haus konnten wir etwas zur Ruhe kommen. Nach erholsamen Tagen wurde es plötzlich laut. eine große Anzahl Panjewagen hielt Einzug. . . . wir sahen schon wieder einmal unseren Untergang kommen . . .Als man uns entdeckte, kam ein russischer Oberst und befahl, für alle zu kochen. . . . so wurde geschlachtet und Brot gebacken. Wir lernten nun auch eine angenehme Seite der Russen kennen, denn wir konnten uns alle tüchtig satt essen.. . .Wir packten wieder einmal unser immer kleiner werdendes Bündel und zogen nach Rückenau. Dort waren wir näher an Tolkemit. . . . nach einiger Zeit kundschaften Georg und Achim aus, ob wir nach Tolkemit zurück könnten. . . . Die beiden Jungen gingen noch öfter diesen weg . . . endlich machten wir uns alle auf, um endlich nach Tolkemit zurückzukehren. Opas Wunsch war erfüllt! Endlich in der Heimat!

Opas Stube, vorn im Haus, war nicht mehr bewohnbar. Ein russischer Panzer war hineingefahren. Opas Stall war heil geblieben . . . er bezog ein Zimmer, was an den Stall angebaut war. . . wir anderen blieben in einer Stube bei Tante Rosa. . . . Langsam wurden wir nun wieder zu Menschen! Wie auch die anderen in Tolkemit Verbliebenen schlug sich auch diese Familie durch und "besorgte" sich Nahrugsmittel.
. . . Irgendwo fand Georg das "Altärchen" von Tante Ellerwald. Wir hatten es dann auf dem Hinterhaken. Ich weiß, daß wir viel den Rosenkranz vor diesem Altar gebetet haben und es in all den Gefahren "Einen" gab, der seine Hand über uns hielt. An eine Nacht denke ich besonders oft. Die Russenhorden kamen bei uns den Gang runter und wollten einfallen. Auf der gegenübeliegenden Seite hatten sie gerade gewütet. Auf einmal erscholl ein durchdringender Schrei. Man konnte nicht beschreiben, ob vom Kind oder Tier! Die Russen blieben vor unserer Tür stehen und riefen "dawei" und weg waren sie. Wir waren gerettet. . . . Wir beerdigten die Tochter von Mutters Cousin, Edith Klein. Sie starb mit 15 Jahren. Vorher hatten die Russen sie noch veschleppt. . . . der eigene Vater schreinerte ihr einen Sarg. . . . und wir kleideten sie mit einem dunkelblauen Spitzenkleid an . . . sie schlief wie ein Engel . . .Wir beteten und sangen gemeinsam " Wenn ich einmal muß scheiden, so scheide nicht von mir" Noch heute kann ich diese Lied nicht mitsingen - auch nicht nach 50 Jahren.
Nun hatten wir schon August 1945 und Mutter wollte unbedingt nach Berlin. Wir wollten es probieren. Wieder wurden "Pungels" geschnürt. . . . Irgendwie kamen wir Kontakt mit Polen, die mit einem Pferdefuhrwerk nach Elbing fuhren. Wir verabschiedeten uns von unserern Verwandten und machten uns auf den Weg. . . . In Elbing erfuhren wir, daß noch gar kein Zugverkehr stattfand. Außerdem ging es Mutter gesundheitlich nicht gut, sie hatte eine eiternde Wunde. . . . Wir wußten, wann und wo die Polen wieder zurück nach Tolkemit fuhren und gingen schnell dort hin. So endetete unser "Ausflug". Der Versuch, nach Berlin zu kommen, war gescheitert. Mutter wurde in Tolkemit von der Sanitätsschwester erfolgreich behandelt. . . . Vielleicht sollte die Entwicklung so sein, denn im September, genau an seinem 79. Geburtstag, starb Opa. "Klatte Karl" zimmerte einen Sarg. . . . Hinten im Hof sargten wir Opa ein. Nun war er in der ewigen Heimat angekommen. Sein Wunsch war erfüllt. Auf dem Friedhof auf Omas Grab haben wir ihn beigesetzt.
November 1945 . . . Die ersten Tolkemiter durften Tolkemit verlassen. Die Familie schloß sich dieser Gruppe an und gelang zu Fuß nach Elbing. . . . Hier erlebten wir schlimme Stunden . . .Nach einigen Tagen erhielten wir die Genehmigung zur Fahrt. . . Mit einem Zug gelangte die Familie über Marienburg, Graudenz, Thorn, Hohensalza in den Raum Posen. . . . Endlich hatten wir Glück und konnten in Posen in einen beheizten Zug einsteigen. . . Nach langer Fahrt endete der Zug in Frankfurt/Oder. . . Am nächsten Morgen sollte nun ein Zug nach Berlin fahren. Eilig rannten wir zum Bahnsteig. . . . Nach langer Fahrt erreichten wir den "Schlesischen Bahnhof" von dem wir im Frühjahr 1943 nach Tolkemit gefahren waren. Was würde uns erwarten? . . . Überall Trümmer . . . Unser Bezirk lag im russischen Sektor . . wir kamen vom Regen in die Traufe . . . Nun nur noch ein Stückchen mit der S-Bahn und dann waren wir daheim. Vater und Tante Mie hatten bestimmt irgend etwas organisiert. Wenigstens ein sauberes, warmes Bett. . . . Am S-Bahnhof "Grünau" angekommen, fing ich mit den letzten Kräften an zu laufen. Die Wege waren mir vertraut. Doch plötzlich versperrte ein Bretterzaun mir den Weg. Irgendwie überwand ich auch dieses Hindernis. Dann stand ich vor unserer Haustür und hielt den Atem an. Ich klingelte. Vor Spannung fing ich an zu weinen. Dann machte eine fremde Frau "unsere Haustüre" auf. Von weitem hörte ich die Worte "Wir geben nichts". Ich konnte es nicht begreifen. Eine Welt brach in mir zusammen. So drehte ich mich um und rannte wieder los, um meine Mutter zu suchen. Unterwegs hatte Mutter erfahren, daß ihre Schwester vor Gram gestorben war.
Eine gute Nachbarin nahm sich unser an. Hätte die Welt nicht ab und zu gute Herzen - wie wären wir doch verloren! Hier erfuhren wir auch, daß unser Vater im Januar 1945 gefallen war. In unserem Haus waren nun fremde Menschen und viele Dinge, die uns gehörten, sahen wir später in der Nachbarschaft wieder.
Flucht und Heimreise hatten wir überstanden. Die Not und der Kampf ums Überleben ging nun weiter.

Grausamer Krieg

Tod, Flucht, Verlust, Angst
und Not ertragen
mit quälenden Fragen nach dem W a r u m ?!

Von einander getrennt,
in der Fremde verweht
mit vergeblicher Hoffnung!
Was vorher gesponnen
nun alles zerronnen!-
Dennoch bestehen!

Langsam begonnen,
Zukunft zu sehen.
Erinnerung blieb!

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