Tolkemit Damals im Zeitraffer
Teil 4

Der Untergang des deutschen Tolkemit Januar 1945

F o r t s e t z u n g 3

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Lingner Helmut, Jahrgang 1936, aus Tolkemit, Hafenstraße 1
Das Schicksal nahm seinen Lauf
Unter diesem Titel berichte ich - Autor dieser Homepage - über meine Erlebnisse als damals
8-Jähriger, beginnend Weihnachten 1944, den Einmarsch der Russen in Tolkemit, das Leben unter den russischen Besatzern, die polnische Verwaltung, die Vertreibung mit der "Ausreise" am 19. November 1945 und den weiteren Weg.
Näheres hierzu kann auf der Seite

Flucht und Vertreibung - Zeitzeugen berichten

nachgelesen werden.

Meinen Bericht finden Sie auf dieser Seite unter

"Zeutzeuge Helmut Lingner (Interview mit Schülern der Gesamtschule Vellmar)"

und weiter unten, unter der Überschrift

"Hier der Bericht von Helmut Lingner, wie er in Tolkemit den Einmarsch der Roten Armee erlebte".

Meinen Bericht in dem Buch "Das Schicksal nahm seinen Lauf" habe ich mit den Gedanken von Martin Walser aus "Ein springender Brunnen" wie folgt beendet:

"Ohne Heimat ist der Mensch ein elendes Ding,
eigentlich ein Blatt im Wind. Er kann sich nicht
wehren. Ihm kann alles passieren. Er ist ein
Freiwild. Er kann gar nicht genug Heimat haben.
Es gibt immer zu wenig Heimat. Zuviel Heimat
gibt es nie. Aber jeder muß wissen, daß nicht
nur er Heimat braucht, sondern andere auch.
Das schlimmste Verbrechen, vergleichbar mit
Mord, ist es, einem anderen Heimat rauben
oder ihn aus seiner Heimat zu vertreiben".

Berndt Ina, geb. Döben, Jahrgang 1931, aus Tolkemit, Dünhöfer Weg 1-3
Erinnerungen an eine schlimme Zeit
Als die Russen in Elbing einmarschierten, wußten wir noch nicht, was auf uns zukam.... Mein Vater war gutgläubig. . . . Eine Flucht über das Eis kam nicht in Frage, da wir unsere 81-jährige Großmutter im Hause hatten. . . . als wir uns endlich zur Flucht entschlossen, waren die Russen da. . . . In unserem Haus versammelten sich sämtliche Verwandten. . . . Es ging los mit Plünderungen, "Frau komm" und Drohungen. Eines Tages wollten sie meinen Vater erschießen. Eine Uhr von Mariechen rettete ihn. . . . Bald begannen die "Einsammlungen" für den Transport nach Rußland. Am 9.2.1945 wurden Vater, meine Schwester Marlis und Anni und andere aus unserem Haus abgeholt, meine Schwester Marlis und mich ereilte dieses Schicksal eine Woche später. Zu Fuß ging es in ein Sammellager nach Preußisch Holland. . . Wir und viele andere Frauen haben viel gebetet und gesungen. Nach und nach wurden die Gefangenen aufgerufen und abtransportiert. . . . Wegen meiner Jugend wurde ich nicht weggeschickt. Außer mir blieben Hildchen Merten und ein Junge aus Tolkemit übrig. Wir wurden mit einer Bescheinigung versehen und zu Fuß nach Tolkemit losgeschickt. . . . In Tolkemit fand ich meine Mutter in unserem Haus. . . . Kurze Zeit später wurden wir "evakuiert" und kamen auf das Gut Kaymen. Wir haben dort irgendwie mit Getreide- und Kartoffelvorräten überlebt. . . . Nach dem Kriegsende ging es zurück nach Tolkemit. . . . Es folgte die Zeit unter Russen und Polen. . . . Mehrmals versuchten wir, Tolkemit zu verlassen. Am 8. November 1945 war es schließlich so weit. . . . Wir waren etwa 40 Personen. . . . Zu Fuß ging es nach Elbing. . . In Lenzen faßte uns die Miliz und "erleichterte" uns um einige Kilo. . . . Unseren Ausweisungsschein bekamen wir endlich am 13. November gegen Bestechung. . . . Nach Leibesvisitaton und anderen Schikanen lud man uns in offenen Güterwagen, der bis Marienburg fuhr. Mit einem Zug ging es weiter über Thorn nach Posen, schließlich bis Frankfurt/Oder. Weiter ging es nach Berlin, Bitterfeld, Halle. Am 20. November weiter nach Lobenstein, Eichberg, Bad Steben, Hof/Bayern, Würzburg, Alzenau. Am 8. Dezember erreichten wir unseren Bestimmungsort. . . . Bruder Gerhard holte uns am 15. Januar 1946 nach Duisburg. . . Dann machten wir uns auf zu Papa nach Mecklenburg. Auf Umwegen gelangten wir am 19. Februar 1946 nach Friedland/Mecklenburg. Meine Schwester Anni ist in Rußland gestorben. Marlis kehrte noch 1945 aus einem russischen Lager nach Deutschland zurück.

Und sie werden einmal fragen

Und sie werden einmal fragen,
Was wir gewesen sind
In fernen, kommenden Tagen,
Dann sollen sie niemals sagen,
Wir waren nur Spreu im Wind,

Nur tauber flüchtiger Samen
Im sausenden Flug der Zeit.
Es sollen, die zu uns kamen,
Vor unserem Stein die Namen
Aussprechen in Dankbarkeit.

Und wissen, daß unser Leben
Für sie die Krone erstritt,
Und sich die Hände geben
Rings um die Gräber und Gräben,
Wo einer von uns einst litt.

Das soll von allen Kränzen
Uns immer der schönste sein.
Dann wird unser Name glänzen
Weit über Gräber und Grenzen
Wie ewiges Gold im Stein.

Martin Damß

Brink Malis, geb. Döben, Jahrgang 1927, aus Tolkemit, Dünhöfer Weg 1-3
Die letzten Tage daheim und dann. . .
Als ich am Dienstag, dem 23. Januar 1945 meinem letzten Schultag, die Agnes-Miegel-Schule in Elbing verließ, Herr Bolle an der Tür stand und jede einzelne der noch erschienenen Schülerinnen mit Handschlag verabschiedete und uns alles Gute wünschte, wußte ich nicht, was alles an mich herantreten sollte. So wie mir ist es dann vielen von uns ergangen, manche mögen mehr Glück gehabt haben, manche weniger.
Am 26. Januar abends war es dann soweit. Die Russen waren bei uns in Tolkemit. Aber was dann kam, war schlimm. Unser Haus wurde voller Menschen gestopft. Von meinen Angehörigen waren mein Vater, meine Mutter, meine Großmutter, eine 31jährige und eine 13jährige Schwester da. Meine beiden Brüder waren im Westen in Gefangenschaft.
Nach meiner ersten näheren Bekanntschaft mit den Russen verkroch ich mich mit einer Nachbarin auf dem Boden. Immer konnte ich da aber nicht bleiben, und so fiel ich ihnen noch einmal in die Hände. Es war furchtbar. Dann verkroch ich mich bei meiner Großmutter im Bett. Hier erlebte ich auch, wei meine 30jährige Schwester am 9. Februar 1945 angeblich für 14 Tage zur Arbeit abgeholt wurde. Sie guckte in jedes Zimmer, sah aber niemand an. Von meiner Mutter verabschiedete se sich mit den Worten: "Leb wohl Mutterchen, wir sehen uns nicht mehr".
Von heimgekehrten Mitgefangenen hörten wir, daß sie dann zwei Tage nur geweint hätte. Es war lauter Heimweh. Daran ist sie dann auch am 18. Juli 1945 in Samare (Rußland) zugrunde gegangen.
Ich war am 16. Februar mit meiner jüngsten Schwester an der Reihe. Nach der Frage: "Wie alt du?" kam die Weisung: "Ein Hemd mitnehmen zum Wechseln, 14 Tage Verpflegung, dann 8 Tage arbeiten und dann wieder zurück". Was daraus geworden ist, wissen wir heute.
Zunächst ging es zu Fuß bis Kreuzdorf . . . Gegen 23 Uhr schleppten sie meinen Vater auch noch an. So waren wir zu Dritt von unserer Familie. Endlich landeten wir am 18. Februar 1945 in Pr. Holland. . . . Nach ein paar Tagen hieß es dann: "Fertig machen zur Weiterfahrt". . . Ich hatte Glück und kam auf einen LKW mit Verdeck.. . . Dann ging es über holprige Straßen bis zum Zuchthaus Bartenstein. . . . weiter ins nächste Zuchthaus in Insterburg. Etwa 2000 Personen warteten hier stundenlang auf ihren Aufruf. In der nächsten klaren Winternacht marschierte unser "Leidenszug" in Achterreihen zu bereitgestellten Güterwagen. Mit 47 Frauen kamen wir in unseren Waggon. Ich höre heute noch das Zurollen der Tür und das Verplomben des Verschlusses. Da standen wir dann im Dunkeln und wußten nicht, wo die Fahrt hinging. Eine Rinne zur Verrichtung des menschlichen Bedürfnisses war in eine Tür geschoben. In der Mitte stand ein kleiner Kanonenofen mit einem langen Rohr. Aber wo war das Heizmaterial? . . .Am nächsten Morgen gab es dann eine Milchkanne voll von "Brühe" aus der Inster, dazu eine Scheibe undefinierbares Brot, sowie für sechs Frauen eine kleine Dose gefrorenen Schmierkäse (Wehrmachtsverpflegung). Das war bis zum 27. März unsere tägliche Verpflegung. So rollten wir gen Osten nach Rußland. . . . Der Schnee wurde höher, die Weiten unendlicher. Jeden Morgen durften zwei Personen raus, Verpflegung und ein paar Kohlen holen. . . . Ich hatte etwa zwei Pfund fetten Speck von Zu Hause mitgenommen und aß jeden Tag ein Scheibchen. Das soll mir wohl gut getan haben.
Endlch waren wir da. Am 27. März in Nischni-Tagil südlich Swerdlowsk im mittleren Ural. Wir mußten alle aussteigen und unser "Leidenszug" bewegte sich im Schneckentempo etwa 3 Kilometer weit in ein Erdberackenlager. . . . Nach russischen Untersuchungsmethoden und Gesetzen hatte ich ein zu schmales Gesäß und kam in die OK-Brigade, das waren diejenigen für leichte Arbeiten. Vor einer Einlieferung in die Krankenbaracke mußte man sich hüten, denn lebend kam man da meistens nicht wieder heraus. Die nackten Leichen wurden jeden Morgen auf einen Wagen geschmissen und in den Wald ins Massengrab gebracht. Aus Tolkemit waren auf der Hinfahrt 16 Personen in unserem Zug. Als ich im August 1945 heim durfte, lebten nur noch 5 davon.
Abgekämpt schliefen wir am ersten Abend auf unseren Pritschen ein.. . . Die Verpflegung war ausreichend, aber nicht gut. . . . Einmal hatte ich große Sorgen. Um den 1. Mai bekam ich hohes Fieber. Dank der Hilfe meiner Mitgefangenen, die mir Krankenkost besorgten, überstand ich diese Krise. Ich hatte mir vorgenommen, die Heimat auf jeden Fall wiederzusehen. Bei Bekanntgabe des Kriegsendes haben wir alle geweint. Gehofft auf eine baldige Heimkehr.
So kam der Juli, und überall wurde von Verlegung oder Heimfahrt gemunkelt. Die Männer machten Waggons mit Pritschen und Abortecken fertig. Wir glaubten nicht eher daran, bis wir Ende Juli aufgerufen und verladen wurden. Am nächsten schönen Sommermorgen setzte sich unser Zug, bestehend aus 60 Waggons, in Bewegung. Vorher hatten wir uns in herrlichem Quellwasser des Urals erfrischen und laben können. . . . Nun sahen wir erst einmal richtig die unendlichen Weiten Rußlands. Wir saßen auf dem Fußboden und ließen die Beine aus der Waggontür hängen. Die Wachmannschaft war freundlich und die Verpflegung auch verhältnismäßig gut. Über Posen landeten wir dann im total zerstörten Frankfurt/Oder.

Reicht Brüder Euch die Hände

Wer die Knechtschaft kennt,
liebt die Freiheit,
Wer den Krieg erlebt,
liebt den Frieden.
Wer Opfer von Willkür
und Macht,
kämpft für Menschenwürde
und Recht.
Wir reichen uns die Hände,
verbannen den Haß
und die Feindschaft
von gestern
Wir tragen die Mauern,
die trennenden, ab,
Bauen Brücken zueinander,
Reicht Brüder
euch die Hände,
baut an der Zweiten Wende.

Werner Kießling

Koy Peter, Jahrgang 1903, aus Tolkemit, Abbau, gestorben 1977 in Hamburg
Bericht von meiner Verschleppung nach Rußland
Am 17. Februar 1945, wir saßen gerade am Mittagstisch, erschienen, wie öfter schon in den vergangenen Tagen, fünf bewaffnete Russen bei uns. Sie durchsuchten das ganze Haus nach Kleidungsstücken, Wäsche und anderen für sie scheinbar brauchbaren Gegenständen. Dann fragten sie jeden von uns nach dem Alter und forderten zwei Schwägerinnen von mir, die bei uns Zuflucht gesucht hatten und mich auf, uns anzuziehen und für zwei Tage Verpflegung mitzunehmen. Sie gaben uns zu verstehen, daß wir zur Arbeit eingeteilt seien. Die Frauen sollten Hausarbeit und die Männer Aufräumungsarbeiten verrichten.
Ein auf dem Hof stehender Wagen transportierte uns dann nach Tolkemit. . . man fürhte uns in ein Haus . . . wir trafen auf 128 andere Menschen aus Tolkemit und Cadinen. . . . Nachdem in einem Nebenzimmer von den Russen einige Frauen vergewaltigt worden waren, wurden wir in Marsch gesetzt. . . . Erneut kam es zu Schändungen der Frauen durch Russen . . . Ich überlegte von hier eine Flucht nach Hause . . . ich gab den Gedanken an eine Flucht auf, um meine Familie dadurch nicht in Gefahr zu bringen. Mit Einbruch der Dunkelheit ging es weiter über Neukirch-Höhe nach Kreuzdorf/Braunsberg. . . Dort wurden wir in ein kleines Oberstübchen eingepfercht. . . Nach einer Vernehmung erklärte uns ein russischer Zivilist, daß wir 14 Tage in unserem Beruf arbeiten würden. . . . Am 18. Februar ging es weiter in Richtung Preußisch-Holland. Am Abend kamen wir in ein Dorf auf einen verlassenen Bauernhof. Hier fanden wir etwas zu essen. Auf Stroh legten wir uns zur Ruhe. . . . Gegen Mitternacht kamen einige russische Soldaten, durchsuchten das Haus und vergewaltigten die anwesenden Frauen. Nach zwei Tagen ging es nach Preußisch-Holland. . . . Bei täglich einer Tasse (etwa 1/4 Liter) dünner Kartoffelsuppe mußten wir es hier, eingepfercht in Kellern und Ställen, einige Zeit aushalten. Aufgrund der schlechten Ernährung starben die ersten Menschen.
Am 3. März kam eine große Kolonne Lastwagen amerikanischer Herkunft. Wir mußten aufsteigen, ein russischer Posten mit Gewehr hinzu und fort ging es. Die Fahrt ging stundenlang durch zerschossene ostpreußische Städte und Dörfer. Auf den Straßen, in den Chasseegräben und auf den Feldern lagen noch gefallene Soldaten, verendetete Pferde und Kühe, Wagen und Kriegsgerät sowie aller möglicher Hausrat. Es war ein trostloses Bild.
In Insterburg wurden wir abgeladen und kamen in den Hof des alten Zuchthauses. Nach Prüfung der Papiere wurden etwa 50 Männer in eine kleine Zuchthauszelle gesteckt. . . . In der Dämmerung ging es zum Bahnhof. In die bereitgestellten Viehwaggons wurden 40 bis 50 Personen, getrennt nach Frauen und Männer gesteckt. . . . es gab täglich einmal Vepflegung. Diese bestand aus einer Scheibe Röstbrot und einer Tasse Wasser pro Mann und ein Pfund deutschen Schmelzkäse pro Waggon . . . Der Tod erhielt reichlich Nahrung. Vor jeder Essenausgabe wurden die Verstorbenen aus dem Waggon getragen. . . . Am 18. März durchliefen wir in einem Vorort von Moskau eine Bade- und Entlausungsanstalt. . . . Nach 6 Tagen Fahrt erreichten wir Kotlas . . . Eine Kommission, darunte eine russische Ärztin, suchte sich eine Anzahl noch arbeitsfähiger Leute für ein Lager aus. Die Kranken und Schwachen wurden in einen gesonderten Waggon gebracht. Obwohl meine Füße schon arg geschwollen waren, meldetet ich mich nicht, weil ich mit meinen Kameraden aus der Heimat zusammenbleiben wollte. Nachdem wir verpflegt waren, ging es weiter. Am 26. März mußten wir aussteigen und wurden ein direkt an der Bahn gelegenes Lager geführt. Das Gehen fiel uns allen sehr schwer; wir schlleppten uns mit letzter Kraft bis dorthin. . . . Unsere Unterkunft war ein Erdbunker. . . eine größere Anzahl Leute mußten in einem Wald zum Holzeinschlag gehen. Mit diesem Holz wurde ein neuer Erdbunker gebaut. . . . Meine Füße wurden immer dicker . . . dazu kam ein furchtbarer Durst und Durchfall. Ich wäre imstande gewesen, mehrere Liter Wasser zu trinken. Aber ich tat es nicht, denn ich sah, wie es meinen Kameraden erging, die sich nicht beherrschen konnten und in kurzer Zeit verstarben. Da meine Füße nicht besser wurden, kam ich in die Revierstube des Lagers und danach in ein Krankenlager bei Archangelsk am Weißen Meer. Nach der Einlieferung wog ich mit Kleidung und Schuhen bei einer Größe von 1,84 Meter noch 44 Kilo. . . . Das Lager war mit 360 Personen beiderlei Geschlechts belegt. . . . Die meisten dieser bedauernswerten Menschen verstarben hier sehr schnell.
Am 23. August 1945 kamen wieder etwa 100 Leute zu uns in das Lager, die erzählten, daß sie von hier nach Hause kommen sollten. Am 25. August mußte jeder, der aufstehen konnte, draußen antreten. . . . zwei Stunden später wurden wir in einen bereitstehenden Zug verladen. Aus zwei Gulaschkanonen, die in einem Wagen mitgeführt wurden, sind wir auf der Rückreise nach Deutschland leidlich verpflegt worden Trotzdem starben noch viele unterwegs.
. . . In Frankfurt/Oder stiegen wir am 5. September 1945 aus. Am nächsten Tag wurden wir entlassen. Vorher sagte man uns noch, daß diejenigen von östlch der Oder-Neuße-Linie nicht dorthin zurück könnten, sondern sich im westlichen Deutschland eine neu Heimat suchen müßten. Nach einer langen Suche fand ich meine Familie in Schlelswig-Holstein bei Bad Segeberg auf dem Lande. Um meine Familie, die den Russen und Polen entkommen war, zu ernähren, arbeitete ich als Landarbeiter. Ich warte sehnlichst auf den Tag, der uns alle in unsere geliebte Heimat zurückbringen möge.

Berndt Ina, geb. Döben, Jahrgang 1931, aus Tolkemit, Dünhöfer Weg 1 - 3
Wir nahmen kein fremdes Geld
In meinem Elternhaus befand sich eine Zweigstelle der Raiffeisenbank von Elbing. Sie wurde von meiner Schwester Anni unter der Oberaufsicht von meinem Vater geleitet. Ich half ihr gern bei den verschiedenen Arbeiten.
Im Januar 1945 wurde das Bargeld knapp, weil Tolkemiter, die vor den Russen flüchteten, ihr Geld mitnehmen wollten. Als "Fahrschülerin" nach Elbing, wo ich das Lyzeum besuchte, kannte ich mich gut aus. So schickte mich meine Schwester per Haffuferbahn los, um Geld zu holen. Wieviel Tausend Mark ich per Aktentasche transportierte, weiß ich heute nicht mehr, aber für die damalige Zeit war es schon ein großer Batzen. Jedenfalls erhielten daraufhin alle Kunden, die kamen, ihr Geld. Es wurde alles ordnungsgemäß dokumentiert, wie es sich für eine ordenliche Buchführung gehört.
Als die Russen Ende Januar 1945 in unser Haus kamen, mußte der Kassenschrank auf Druck der Soldaten geöffnet werden. Beim Rausschmiß aus unserem Haus lagen viele Geldscheine auf dem Fußboden im Kassenzimmer, nachdem die Russen hier gehaust hatten. Vater sagte bei diesem Anblick: "Uns gehört es nicht, es ist fremdes Geld". Keiner von uns kam auf die Idee, etwas davon aufzuheben.
So hatte meine Mutter, als sie mit mir und der jüngsten Tochter von Lehrer Muth im November 1945 zu Fuß nach Elbing und weiter im Güterwagen auf die Reise bis Berlin ging, nur 200 Mark eigenes Geld in der Tasche.

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