Tolkemit Damals im Zeitraffer
Teil 4

Der Untergang des deutschen Tolkemit Januar 1945

F o r t s e t z u n g 4

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Gisela Muth, Jahrgang 1929, aus Tolkemit, Vorderhaken 2
Verschleppt in den Ural
An einem Abend im Januar 1945 - ich glaube, es war der 24. zu Hause in Tolkemit - hatte meine Mutter zusammen mit Bekannten beschlossen, nicht zu flüchten. Mein Vater, Lehrer an der Volksschule in Tolkemit, war beim "Volkssturm" eingesetzt und hatte geplant, vor der russischen Invasion nach Hause zu kommen. Dieser Plan ging nicht auf; die russischen Truppen waren schneller.
Heimgekehrt von unserem Besuch, hörten wir Schritte auf der Straße . . . wir schauten durch eine Ritze der Verdunkelung und erblickten Soldaten in Uniform, die zunächst nicht als Russen zu erkennen waren. . . . Mitten in der Nacht weckte uns ein fürchterlicher Knall. Vor Schreck sprangen wir aus den Betten und rannten in den Keller. . . . ein russischer Panzer schoß umher. Gegen Morgen stürmten russische Soldaten unseren Keller. Sie suchten hauptsächlich nach deutschen Soldaten. In unserer Angst wollten wir nicht mehr allein in unserem Haus bleiben und konnten in der Nachbarschaft bei Trautmanns unterkommen.

Als die Russen Oberhand gewannen, wurde es für die Frauen und Mädchen gefährlich. Ich floh über Zäune und Gräben, um in einem fremden, unbewohnten Haus ein Versteck zu finden. Die Sicherheit war auch tagsüber nicht gegeben. Man mußte immer auf der Hut sein. Alfred, ungefähr 10 bis 12 Jahre alt, paßte für uns auf und signalisierte, wenn russische Soldaten wieder unterwegs waren. Russische Offiziere beteuerten, daß es verboten sei, Frauen zu belästigen. Absichtlich möchte ich zu diesen Erlebnissen und Ereignissen nicht ins Detail gehen.
Eines Tages wurden meine Mutter und Schwester Felizitas zur Arbeit abgeholt. Mir gelang es, mich zu verstecken, um bei meiner jüngeren Schwester bleiben zu können. Es dauerte aber nicht lange, bis man mich ausfindig gemacht hatte und auch zur Arbeit abholte. Meine Schwester, damals 12 Jahre alt, mußte ich zurücklassen. Keiner ahnte, welch weiter Weg und wieviel Jahre es werden sollten.
Eine lange Kolonne Menschen zu Fuß von Tolkemit nach Preußisch-Holland (35 KM). . . . manchmal verließen mich die Kräfte . . . Trautmanns Mädchen zogen mich mit . . . ohne ihre Hilfe hätte ich es nie geschafft. Die Wachposten, die uns begleiteten , machten kurzen Prozeß, die nicht mitkamen, wurden erschossen. Erschöpt kamen wir in Peußisch-Holland an und wurden in ein Wohnhaus gesteckt. Vom Keller bis zum Speicher war es mit Menschen überfüllt. . . . man suchte auf dem Weg zur Latrine Angehörige und Bekannte. Ich fand meine Mutter und konnte einige Stunden mit ihr zusammen sein. Sie wirkte auf mich apathisch. Ich ahnte nicht, daß ich meine Mutter nie wiedersehen sollte.
. . . Bei großer Kälte wurden wir im Februar 1945 in offenen LKws über Bartenstein nach Insterburg gebracht und in Güterwaggons verladen . . . es begann der leidvolle Weg nach Rußland. Unterwegs hörte ich, daß meine Schwester Felizitas auch auf dem Transport sei. Eingepfercht in die Waggons hockten wir mit angezogenen Beinen. Als Toilette war eine Holzrinne nach draußen geführt, eine entwürdigende Situation. Mit der Zeit baute man die Scham ab, auch später bei den Entlausungen, bar jeder Kleidung. Hilflos sahen wir zu, wenn so manch einem von uns die Kräfte verließen und er sterben mußte. Die Toten lagen zwischen uns . . Neben der Kälte war der Hunger unbeschreiblich. Nach drei Wochen Transport landeten wir in Niznigatil im Ural und wurden dort ausgeladen. . . . Meine Füße waren geschwollen . . . Schreckliche Träume plagten mich noch Jahrzehnte . . . Wir wurden von der Bevölkerung mit Steinen beworfen . . . Als wir ankamen waren wir ca. 4000 Menschen . . . das große Sterben begann . . . man sagte, daß nur 1000 bis 1200 Menschen überlebt hatten. Die Ruhr hatte sich ausgebreitet. Meine Schwester Felizitas war in Quarantäne gekommen . . . ich überlistete die Wachposten und durfte sie einige Male besuchen. Zwei Tage nach ihrem 18. Geburtstag ließ sie mich rufen . . . sie war enttäuscht, daß ich sie an ihrem Geburtstag nicht besucht hatte. Ich konnte mich fast nicht auf den Beinen halten und schwankte zu ihr hin. Als ich an ihre Pritsche trat, schaute sie mich an, lächelte und starb. Fassungslos verließ ich die Baracke. Mir ging es gesundheitlich sehr schlecht . . .eine Tolkemiterin riß mich immer wieder aus meiner Bewußtlosigkeit . . . meiner Nachbarin habe ich es zu verdanken, daß ich mich erholte und am Leben blieb.
Im Frühsommer 1945 wurde das Lager geräumt . . . Wir kamen auf eine Kolchose. Dort bildeten wir eine Kinderbrigade. Die meisten waren 16 Jahre alt und darüber. Diese Tatsache befreite uns nicht von der schweren Arbeit beim Torfstechen. Die Verpflegung war sehr knapp. . . . Kein Kartoffelfeld war vor uns sicher.
Der Sommer im Ural dauert nur drei Monate. Wir wurden zum Grasmähen hinter die sibirische Grenze gebracht. Wir hausten in Zelten. Mich plagten Abzesse und Sumpffieber.
Gerüchte um Transporte kursierten ständig. Wenn die Russen uns etwas Freundliches sagen wollten, hieß es immer: "Bald kommt ihr nach Hause".
1947 sollte unsere Kinderbrigade dran sein. . . . Gretchen Trautmann kam nach Hause, fand meine Schwester und konnte ihr endlich Nachricht geben, wo ich mich befand. Die Enttäuschung, weiterhin im Lager bleiben zu müssen, ließ die Tränen tagelang fließen . . . Den inneren Schmerz und die Ungewißheit kann man nicht beschreiben . . .Wieder marschierten wir zur Arbeit, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Viele bekamen Post . . . nach langer Zeit erhielt ich eine Karte mit Foto von meiner Schwester und der traurigen Nachricht, daß meine Mutter bereits in Preußisch-Holland verstorben war. Die Nachricht vom Tod meines Vaters erhielt ich in Niznatagil von einem jungen Mann, der mit ihm in einem Waggon unseres Transports nach Rußland zusammen war. Zu der Zeit arbeiteten wir in einem Gummilager in der Nähe von Swerdlowsk. . . . Wir ließen uns trotz aller Hoffnungslosigkeit nicht unterkriegen . . . Für das Stricken von Pullovern und Socken für die Kriegsgefangenen bekamen wir Schuhe und Gebrauchsartikel. Hatten wir frei, drehten wir uns Locken . . . Wir erlernten von den Russen die Technik, mit Fußlappen umzugehen. . . . mit Holzasche habe wir gewaschen . . . Gretel und ihre Freundin, zwei temperamentvolle Ostpreußinnen hielten uns bei Stimmung . . . Gretel brachte mir das Tanzen bei . . . Manchmal betete sie auch und wir beteten mit . . . Die Russen hörten uns gern singen . . . Beim Gesang kam auch manchmal das Heimweh durch und die Tränen liefen.
Wir waren schon im fünften Jahr interniert und hatten keine Information, wie es weitergehen sollte. Als unsere Heimfahrt eines Tages Wirklichkeit wurde, glaubte ich dies erst, als wir in Friedland ankamen und für uns Spätheimkehrer die Friedensglocke läutete!
Den 11. November 1949, den Tag meiner Rückkehr in das verkleinerte Deutschland, sehe ich heute noch als Anfang zu einem neuen Leben an.
In meiner Wahlheimat Düsseldorf wurde mir bewußt, daß die Vertreibung der vielen Menschen nicht in das Bewußtsein aller Deutchen gedrungen war.

Albrecht Magdalena, geb. Sakrowski, Jahrgang 1925, aus Tolkemit, Elbinger Str. 25
Meine verlorenen Jahre!
Ja, so nenne ich die Zeit vom Januar 1945 bis zum Dezember 1947. Es waren im Rückblick die schwersten Jahre meines Lebens.
Weihnachten 1944 war noch alles ruhig. ich arbeitete in Elbing in einem Schmuck- und Uhrengeschäft. Am 20. Januar hatten wir noch ein großes Ereignis. Mein Bruder Otto heiratete in Seeburg. Während er Hochzeitsfeier wurde schon erzählt, der Russe kommt immer näher. . . . Mit einem Militärzug fuhren wir am 22. Januar nach Elbing. . . Mit der Haffuferbahn kamen wir am Nachmittag des 23. Januar wieder in Tolkemit an. . . . Meine Schwester Else hatte für jeden einen kleinen Rucksack gepackt und wollte nun mit uns zusammen fliehen. Aber meine Mutter wollte nicht mitgehen (mein Vater war schon 1942 verstorben) und so blieben wir zu Hause. Der Zug am 23. Januar war der letzte, der Tolkemit erreichte. Am Abend hörten wir schon Kanonendonner. Wir gingen trotzdem schlafen.Gegen Morgen wurden wir wach, weil an unserem Schlafzimmerfenster Gestalten vorbei gingen. Wir dachten zuerst, es sind deutsche Soldaten. An den Uniformen sahen wir aber, es waren Russen.
Nun begann eine furchtbare Zeit, besonders für die weibliche Bevölkerung. Die Wörter wie "Uhr oder Uri" oder "Frau komm" klangen dauernd in unseren Ohren. So gut es ging, hatte Mutter meine Schwester und mich in den Betten oder auf dem Boden versteckt. Über meine persönlichen Demütigungen möchte ich nicht weiter berichten.
Nach einigen Tagen war es den deutschen Soldaten noch einmal gelungen, die Russen zu vertreiben. . . . Einige Tolkemiter nutzten die Situation zur Flucht übers Haff zur Nehrung. Mit meiner Tante sollten wir mitgehen. Meine Mutter war krank geworden und lag im Bett. Ohne meine Mutter und Schwester ging ich aber nicht mit.
Es war Anfang Februar gewlorden. Else und ich wollten von der Pumpe Wasser holen. Hier an der Pumpe trat in Begleitung eines Soldaten ein russischer Offizier an uns heran und bat uns mitzukommen. Er war auffallend höflich. Er sagte, wir sollten 14 Tage für die Russen arbeiten. Wir durften noch einmal nach Hause und unseren gepackten Rucksack mitnehmen. Meine Mutter weinte und bat darum, doch wenigstens ein Kind bei ihr zu lassen. Alles Flehen half nichts.
Wir wurden mit weiteren Tolkemitern, so auch Lehrer Gehrmann, in ein Haus in der Siedlung getrieben. Hier blieben wir einige Tage. Dann ging es zu Fuß bei Schnee und eisigen Temperaturen mit einem Zwischenstop in einer Scheune nach Preußisch-Holland. Von dort ging es mit LKWs nach Insterburg. Hier war wohl der Hauptverladebahnhof fur die Gefangenen und Internierten. . . . Wir wurden in Viehwaggons verfrachtet, vollgestopft mit etwa 60 Personen. . . . Die Verpflegung war katastrophal . . . Meine Schwester Else war bei mir. Aus Tolkemit waren noch Anni Döben, die Tochter des Rektors und Maria Thiel dabei.
Wohin würde die Fahrt wohl gehen? An der Seite des Waggons war eine Rinne aus Holz eingelassen für die Notdurft! Für den kleinen Kanonenofen wurden täglich ein paar Scheite nasses Holz hineingeworfen. Ebenfalls täglich ein Eimer Wasser und trockenes Brot. . . . Aber schon bald kam es zu den ersten starken Erfrierungen und Erbrechen, Durchfall, Ruhr und Hungertyphus. Die Erfrierungen und Schwäche führten täglich zu Todesfällen. Jeden Morgen wurde die Tür aufgerissen und die russische Wache hat die Toten abgeholt. Unter den ersten war auch Maria Thiel.
Inzwischen waren wir gut zwei Wochen unterwegs. . . . Die Ruhr erfaßte nun auch meine Schwester Else. Sie wurde immer schwächer. Am 4. März 1945 ist Else im Waggon gestorben. Als sie von der Wache abgeholt wurde, sangen alle: "So nimm denn meine Hände". Für mich war es eine Begebenheit, die ich nicht vergessen werde.
Einige Tage später hielt der Zug. Alle Gefangenen wurden aufgefordert, herauszukriechen und zum Baden zu gehen. Ich selber war zu schwach, um auszusteigen und mußte im Waggon bleiben, bis man mich herausholte. An diesem Tag gab es die erste warme Suppe. Das tat gut. Schließlich ging die Fahrt weiter. Nachdem wir drei Wochen unterwegs waren, hielt der Transport. Beim Aussteigen brachen viele vor Schwäche zusammen. Man brachte uns in ein großes Lager, das bis dahin mit deutschen Kriegsgefangenen belegt gewesen war. Wir befanden uns in der Nähe der Stadt Kuybischew, in dem Strafgebiet Samara. Es ist ungefähr 800 Kilometer südöstlich von Moskau, ein Stück hinter der Wolga.
Nun lagen wir in einer großen Baracke. Jeder von uns hatte eine Holzpritsche. Als Kopfkissen diente mir mein kleiner Rucksack von zu Hause. Zugedeckt habe ich mich mit meinem eigenen Mantel. Täglich erhielten wir einen Teller dünne Kohlsuppe. Morgens gab es dann noch 100 Gramm sehr nasses Brot. Und das Sterben ging weiter
Dann begannen die Vernehmungen. Es war entwürdigend, wie man uns dabei behandelte. Mancher hatte ein Foto oder ein kleines Schmuckstück von zu Hause gerettet. Alles wurde uns abgenommen. . . . Nach einiger Zeit ging es zur Arbeit in eine Ziegelei. Begleitet wurden wir von russischen Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten, wie Schwerverbrecher. . . . Mich hatte man in die Schlosserei geholt. Bei der Befragung hatte ich als Beruf "Uhrenfachgehilfin" angegeben. Man gab mir Anweisungen zur Bedienung einer Maschine, die Draht für elektrische Leitungen isolierte. Es war nach kurzer Erklärung eine leichte Arbeit. Der Natschalnik (Meistser) war sehr gut zu mir. Ich glaube, ich habe ihm leid getan. Ab und zu gab er mir sogar eine Essenmarke. So kam ich wieder zu Kräften. Im Nachhinein glaube ich, daß mir dieses Glück dort arbeiten zu dürfen, das Leben gerettet hat.
Im Lager ging das Sterben weiter. Die Kranken kamen in eine Krankenbaracke. Aus dieser Baracke kam kaum einer lebend heraus. Von den jungen Frauen aus Tolkemit starben in Abständen Maria Radau (Mühlenstraße), Lisa Funk (Markt) und Anni Döben (Dünhöfer Weg).
Im September 1945 hieß es, wir kommen zurück nach Deutschland. Mein Naschalnik war traurig, als ich mich am letzten Tag von ihm verabschiedete. Er wußte wohl, daß sich unsere Hoffnung nicht erfüllen würde.
Wir wurden in einen Personenzug gesteckt und wieder wurden die Türen verriegelt. Es ging westwärts. Wir überquerten die Wolga und nach etwa 300 Kilometer Fahrt hieß es "aussteigen", und zwar in Insa. Unser zweites Lagerleben begann! Das Lager war viel kleiner als das in Kuybischew. Insassen waren sowohl Männer als auch Frauen. Hier wurde nicht mehr so strang bewacht. . . . Auf den Pritschen lag sogar ein Strohsack und eine Decke. Was für ein Komfort. Gearbeitet wurde hauptsächlich in einer Ziegelei. Das Schlimmste an allem aber war der Hunger. . . Für die Arbeit in der Ziegelei waren wir in Brigaden eingeteilt. Eine Brigade bestand aus 20 Frauen, die von einer Brigadierin geführt wurde. Dieses waren Wolgadeutsche, die 1941 von Stalin vertrieben wurden und getrennt von ihren Eltern in die Weiten Rußlands verschleppt wurden. Sie sprachen ein perfektes Deutsch und waren, soweit sie es konnten, sehr gut zu uns. Sie erlaubten, daß jeweils zwei Frauen in das nächste Dorf zum Betteln gehen durften. Die Tür wurde meistens geöffnet. Dann kam der Spruch: "Peschellista nem noschke Kartoschka", was übersetzt soviel wie "Bitte ein paar Kartoffeln". Die russische Bevölkerung war sehr arm, aber wir bekamen immer etwas.
Die Monate vergingen und es kam der Winter. Man gab uns Wattekleidung und Filzstiefel. Es war sehr kalt. . . Besonders traurig waren wir in der Weihnachtszeit. Am Heiligen Abend hatten wir ein kleines Bäumchen besorgt, das wir mit Wollfäden geschmückt haben. Wir sangen Weihnachtslieder und haben geweint und geweint. . . . Von den Russen kamen oft die Worte "Skorra dameu", was soviel hieß wie: "bald nach Hause". Es wurde nichts daraus.
Der Winter 1945/1946 verging und der Sommer kam und danach der Winter 1946/1947. die Arbeit blieb dieselbe, auch der Hunger verfolgte uns. Immer wieder haben wir uns durch Betteln etwas Zusatznahrung besorgt. Besonders dankbar wir ich den russischen Menschen für ihre Hilfe. Sie haben von dem Wenigen, was sie zu essen hatten, noch an uns etwas abgegeben. Das werde ich nie vergessen.
. . .Im Sommer 1947 kam das Gerücht auf, das ganze Lager sollte geräumt werden. Wieder keimte in uns die Hoffnung, nach Hause zu kommen. Und diesmal wurde daraus Wahrheit. Es wurde zwar noch Ende September, aber dann ging es los.
Wir bekamen saubere Kleidung und wurden wieder in Viehwaggons verfrachtet. Aber nun hatten wir mehr Platz un die Tür blieb geöffnet. Die geamte Rückfahrt dauerte nicht so lange, etwa 10 Tage. Dann trafen wir in Frankfurt/Oder ein. Da ich nicht wußte wohin, denn nach Hause nach Tolkemit konnte ich ja nicht mehr, blieb ich vorerst dort und arbeitete in einer Küche. . . . Wie sollte ich meine Angehörigen finden? Ich schrieb an einen Onkel in Westfalen, an dessen Adresse ich mich noch erinnerte. Bald kam Nachricht, daß meine Mutter bei meinem Bruder Otto in Ostfriesland lebte. Sofort habe ich mich bei meiner Mutter zurückgemeldet mit der traurigen Nachricht, daß Schwester Else in Rußland verstorben sei.
Meine Mutter erwartete mich in Fulkum/Ostfriesland, einem kleinen Dörfchen bei Esens. Ich bekam meine Papiere und mußte nun nach Pirna in Sachsen für zehn Tage in Quarantäne. Hier bekam ich dann die Fahrkarte in das Durchgangslager Friedland. Dort läutete die Heimatglocke, wenn ein Transport die Grenze in die Freiheit überfuhr. In Friedland blieb ich nur zwei Tage. Mit 20 RM Taschengeld und einer Fahrkarte bestieg ich die Bahn nach Fulkum. Das war im November 1947.


Paul Lingner, Jahrgang 1925, aus Tolkemit, Vorderhaken
Als Gefangener in der Tolkemiter Kirche
Wie fast alle jungen Männer, wurde ich als 18-Jähriger im vierten Kriegsjahr zum Militär eingezogen. Ich kam wunschgemäß zur Marine. Ich wurde auf einem Landungsboot in Finnland sowie im Kurland eingesetzt. Zum Jahreswechsel 1944/45 lagen wir mit unserem Boot zur Überholung in Pillau. Mitte Januar 1945 bekam ich Urlaub und verbrachte diesen in meiner Heimatstadt Tolkemit.
. . . Die deutschen Frontlinien hielten nicht. Sie brachen an mehreren Stellen. . . . Die Wehrmachtsberichte waren immer noch sehr optimistisch, aber sie entsprachen nicht der Wahrheit. Auch in Tolkemit wurde man immer ängstlicher. . . . der 21. Januar 1945 war ein Sonntag und ein Tag mit herrlichem Winterwetter. Zusammen mit einer Gruppe junger Tolkemiter war ich auf dem zugefrorenen Haff zum Schlittschuhlaufen. Auch Segelschlitten brausten noch über das Eis. Außer gelegentlichem Grollen von Kanonendonner aus der Ferne, blieb es bis Montag ruhig in der Stadt. Am 23. Januar 1945, als etwa um 20.00 Uhr der Zug aus Elbing eintraf, sprangen die Fahrgäste hastig aus den Waggons und riefen: "In Elbing sind russische Panzer. Wir sind beschossen worden". Schnell war die schlimme Nachricht in der Stadt bekannt. In Panik liefen die Tolkemiter von Straße zu Straße, um sich mit Verwandten und Bekannten über die Lage zu besprechen. Viele Menschen dachten an Flucht über das Haff. Hier bestand für den Weg im Dunkel der Nacht eine große Gefahr. Ein Eisbrecher hatte auf der Rückfahrt nach Pillau die Fahrrinne aufgebrochen, um Kriegsschiffe von der Schichau-Werft in Elbing zu holen. Die Flucht von Tolkemitern noch in der nacht war daher vergeblich. Erst am nächsten Morgen war von besonnenen Männern eine hölzerne Notbrücke gelegt worden, die aber nur für Menschen tragbar war. Zusammen mit anderen Tolkemitern, meinen Eltern und meiner Schwester, gingen wir dann am Morgen des 24. Januar, einem Mittwoch, über das Haff nach Kahlberg. . . . In Kahlberg fanden wir keine Unterkunft mehr. Wir gingen nach Liep. Von hier aus haben wir dann das Inferno in Tolkemit gesehen. Häuser brannten und auch im Hafen waren große Feuer zu sehen.
Meine Odyssee begann, nachdem noch im Laufe des 27. Januar die Zivilisten aus Kahlberg und Liep von der Marine über den Ostseestrand der Nehrung evakuiert wurden. Ich half beim Einschiffen der Menschen in Rettungsboote, mit denen sie zu den auf der Reede liegenden Schiffe gelangten. Ich sah das Boot mit meiner Familie und Bekannten langsam meinen Blicken entschwinden. Mit mir blieben noch drei weiter Soldaten, die wie ich im Urlaub waren, auf der Nehrung zurück. Nun versuchte ich, meine Einheit in Pillau zu erreichen, aber das gelang mir nicht. Schließlich kam alles anders.
. . . Es wurden neue Einheiten zusammengestellt, mit allen, die Soldat waren, ob Heer, Luftwaffe oder Marine, alle kamen zur Infanterie. Bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 war ich dann an verschiedenen Abschnitten der immer kleiner werdenden Front in der Danziger Niederung und auf der Frischen Nehrung im Einsatz. Ich hatte nicht das Glück, über Hela mit einem Schiff in den Westen zu gelangen. So erlebte ich das Kriegsende in dem kleinen Fischerdorf Bodenwinkel am Haff.
Als Gefangener der Russen marschierte ich am 9. Mai von Bodenwinkel nach Kahlberg. Zu dieser Zeit ahnte ich noch nicht, was mir bevorstand. Ausgerechnet mit unserem alten Dampfer "Tolkemit", den die Russen mit der Hilfe von Deutschen in Fahrt gebracht hatten, fuhr ich nun als Kriegsgefangener über das Haff in meine Heimatstadt Tolkemit.
Als ich in Tolkemit ankam, sah ich einen verwüsteten Hafen. Die gesamten etwa 50 Lommen und Schoner, die im Hafen überwintert hatten, gab es nicht mehr. . . . Wie ich später erfuhr, hatten die Russen alles Schwimmbare nach Osten gebracht. Es war eine schlimme Begegnung mit meinem Heimatort. Wir marschierten dann vom Hafen durch die Hafenstraße bis zur linken Kirchenseite. Ich sah nun die vielen Wunden, die in den letzten Kriegstagen der bis dahin verträumten kleinen Stadt beigebracht wurden. Das Rathaus und das "Deutsche Haus" und die anderen Häuser rund um den Markt standen ausgebrannt da.
Unsere Kolonne kam schließlich an der Kirche zum Stehen. Was war aus den Tolkemiter Menschen geworden? Bis dahin hatte sich von den in der Stadt gebliebenen Deutschen keine einzige Seele gezeigt. Hier aber nun in Schmeiers Haus, waren einige Frauen, die unsere Not sahen. Mich hatte man sogar erkannt. Nachdem Tolkemiter Frauen, angetrieben von den Russen, die zu diesem Zeitpunkt verdreckte Tolkemiter Pfarrkirche notdürftig gesäubert hatten, wurden wir als Gefangene eingesperrt. In dieser Kirche, in der ich getauft und gefirmt worden war und in der ich noch am Sonntag, dem 21. Januar 1945, vor der Flucht übers Haff, am Gottesdienst teilnahm, saß ich nun mit anderen Kameraden in einer Kirchenbank und betete zum Schöpfer.
Die Tolkemiter Kirche war aber nur für eine kurze Zeit eine Zwischenstation. Noch am Abend des gleichen Tages wurden wir mit LKWs nach Braunsberg gebracht. Hier kam ich mit vielen anderen deutschen Soldaten in ein großes Sammellager. . . . Anfang Juni 1945 wurden wir deutschen Soldaten nach Rußland transportiert. Dort lebte ich als Kriegsgefangener, teils unter schwierigen Bedingungen, in verschiedenen Lagern. Im Dezember 1949 kam ich, entlassen aus russischr Kriegsgefangenschaft, über das Spätheimkehrerlager Friedland zu meiner Familie zurück, die in Schleswig-Holstein untergekommen war. Hier begann nun, mit vier Jahren Verspätung, auch für mich das Leben in Freiheit.

Auszug aus dem Totenbuch der Priester aus dem Ermland
Ich bleibe bei meiner Gemeinde
Probst Huhn hatte die Pfarrstelle in Tolkemit erst 1944, nach dem Tod von Probst Schröder, übernommen, nachdem er seine Pfarrei in Tilsit wegen der drohenden Front verlassen mußte.
Eine Frau aus Tolkemit berichtet: "Der Herr Pfarrer Huhn war nur kurze Zeit in Tolkemit. Er kam als Flüchtling von Tilsit ohne jedes Gepäck. Wie der Russe am 26. Januar 1945 nach Tolkemit kam, waren die Männer auf dem Markt, auch der Herr Huhn; sie gingen zum Hafen. Die Männer sagten: "Herr Pfarrer, für Sie ist es jetzt Zeit zum Gehen". Nach kurzem Besinnen sagte er: "Mag kommen, was da will ich bleibe bei meiner Gemeinde". Am 9. Febr. holten die Russen alles zusammen. . . . Herr Huhn hat immer mit den Verschleppten gebetet, auch hat er sich immer vor die Mädchen gestellt, auch wenns mal eins mit dem Gewehrkolben gab. In Preußisch-Holland erhielt er ein Schreiben, er dürfe zurück nach Tolkemit.
Er kam bis Rückenau bei Neukirch-Höhe. . . . Herr Huhn blieb die Nacht bei den Leuten. Er hat die ganze Nacht mit ihnen gebetet. Am Morgen hat er allen die Absolution erteilt und den Segen. . . . Dann ist er gegangen. Er war noch nicht ganz an der Hausecke, da kamen drei halbwüchsige Russen. "Stoj!" Er gab ihnen das Schreiben in der Meinung: "Mir kann keiner was tun". Die Burschen besahen das Schreiben, zerrissen es, und "Dawei!" gings um die Hausecke bis zur Scheune. Alles war gespannt vor Angst, bis der bekannte Schuß fiel. Kurz darauf kamen alle drei Russen lachend um die Ecke.

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