Tolkemit Damals im Zeitraffer
Teil 4

Der Untergang des deutschen Tolkemit Januar 1945

F o r t s e t z u n g 5

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Lindner Leo, Jahrgang 1928, Tolkemit, Elbinger Straße 20
Erinnerung an die Katherinen-Schwestern
In Tolkemit trafen wir früher täglich die Katherinen-Schwestern auf dem Weg zur Kirche und anläßlich ihrer vielfälltigen Aufgaben in der Gemeinde. Sie gehörten einfach zu uns. Die Hauptaufgabe der Schwestern, die ihr Mutterhaus in Braunsberg hatten, war "der Dienst am Nächsten". In Tolkemit führten die Schwestern nicht nur das Krankenhaus. Sie leisteten auch in der Kindererziehung in dem an das Krankenhaus angrenzenden Kindergarten "Sonnenschein" und in der Sozialarbeit als Gemeindeschwestern wertvolle Dienste. Da man freiwillig nicht ins Krankenhaus ging, waren diese Schwestern allgemein weniger bekannt. Dagegen war die Leiterin des Kindergartens Schwester Vlita in aller Munde. Sie hat zusammen mit Helferinnen aus der Gemeinde viele Jahrgänge von Tolkemiter Kindern bis zum Kriegsende betreut und auf das Leben vorbereitet. Auch die Gemeindeschwester Emma war vielen Tolkemitern gut bekannt. Sie verstarb 1944 an Herzversagen beim Blaubeerenpflücken im Wald. Sicher werden sich noch Tolkemiter daran erinnern. Ihre Aufgabe übernahm die damals junge Schwester Landolina noch zusätzlich.
Oft habe ich in Gesprächen mit anderen Tolkemitern in den vergangenen Jahren an die Schwestern gedacht. Niemand wußte so richtig, was aus ihnen geworden ist. Von den Polen wurden die Schwestern wie alle anderen deutschen Staatsbürger behandelt und schließlich auch ausgewiesen. Ihre besondere Stellung in der katholischen Kirche fand keine Berücksichtigung. Nachdem ich zu Beginn dieses Jahres Verbindung zu den letzten noch lebenden Ordensschwestern aus dem Tolkemiter Krankenhaus bekam, kann ich nun auch über das Schicksal der verstorbenen Schwestern berichten.
Die in Tolkemit tätigen Katharinen-Schestern waren nicht vor den vordringenden russischen Truppen geflohen, sondern mit vielen anderen Tolkemitern in der Stadt und ihrer Wirkungsstätte, dem Krankenhaus, geblieben. Sie haben das Schicksal der Menschen geteilt und, wo es möglich war, zusammen mit den Leidenden Trost im Gebet gesucht. Wie Schwester Landolina schreibt, mußten die Schwestern, wie alle Tolkemiter, auf russischen Befehl im Februar 1945 durch Eis und Schnee nach Preußisch-Holland marschieren. Hier trafen sie mit 30 Schwestern aus dem Kopernikus-Haus in Frauenburg und drei Diakonissen aus Goldap zusammen und sollten nach Rußland verschleppt werden. In letzter Minute entgingen sie dem schweren Schicksal Eine Typhus-Epedimie brach aus, was die Rettung bedeutete. Auf Anordnung der Russen wurden sie zur Krankenpflege im Johanniter-Krankenhaus und in der zum Hilfskrankenhaus umfunktionierten Jugenherberge (an der Kath. Kirche) in Preußisch-Holland eingesetzt. Hier verstarb die Schwester Oberin Armella. Später kamen die anderen Schwestern wieder nach Tolkemit zurück, wo dann die Schwester Jadwiga den Tod fand. Die verbliebenen Schwestern glangten über Zwischenstationen in den Westen Deutschlands. Verstorben sind inzwischen Schwester Vita in Münster-Kinderhaus und Schwester Reginalda in Wewelsburg, Krs. Büren.
Schwester Landolina verließ Tolkemit im Dezember 1945 und erreichte Berlin am Heiligabend. Die examinierte Krankenschwester und Wirtschafterin Landolina war nach dem Krieg in den verschiedensten Plätzen in Deutschland mit solzialen Aufgaben betraut.
Wie mir Schwester Landolina schreibt, war sie gerne in Tolkemit. Schwester Landolina hat mir eine Kopie einer wertvollen Erinnerung geschickt. Es handelt sich um Ausweise in polnischer und russischer Sprache, die für die Ausreise gebraucht wurden. Die Besonderheit besteht darin, daß für den Ausweis ein Geschäftspapier der Marmeladenfabrik Engelken herhalten mußte.

Ausreiseausweis für Schwester M. Landoline auf Geschäftspapier der Marmeladenfabrik Engelken Gebrüder & Co Hamburg, Werk Ostpreußen

Es war ein Land

Sie erstarrten im Schnee,
Sie verglühten im Brand,
Sie verdarben elend in Friedensland,
Sie liegen auf der Ostsee Grund,
Flut wäscht ihr Gebein in Bucht und Sund.

Sie schlafen in Jütlands sndigem Schoß,
Und wir letzten treiben heimatlos,
Tang nach dem Sturm, Herbstlaub im Wind,
Vater, Du weißt, wie einsam wir sind!

Nie klagen war unsere Art,
Du gabst und du nahmst,
Doch Dein Joch drückt hart,
Vergib, wenn das Herz, das sich Dir erbibt,
Was Gleichnis war - und noch bleibt im Leid -
Von Deines Reiches Herrlichkeit.l

O kalt weht der Wind über leeres Land,
O leichter weht Asche als Staub im Sand,
Und die Nessel wächst hoch an geborstener Wand,
Aber höher als Distel am Ackerrand!

Agnes Miegel

Anmerkungen der Redaktion zur Dichterin Agnes Miegel:
Agnes Miegel ist am 9. März 1879 in Königsberg geboren. Sie flüchtete im Febr. 1945 vor der Roten Armee nach Dänemark und kehrte 1946 nach Deutschland zurück.
Am 26. 10. 1964 ist Agnes Miegel in Bad Nenndorf, wo sich auch ein Denkmal von ihr befindet, gestorben. Dort wird auch in dem "Agnes-Miegel-Haus" ihrer gedacht. Für ihre umfangreichen Werke erhielt die Dichterin viele Auszeichnungen.
An ihrem ehemaligen Wohnhaus in Königsberg in der Hornstraße hat die russische Verwaltung ein "Agnes-Miegel-Denkmal" errichtet. Auf dem Relief ist in deutscher und russischer Sprache zu lesen:
"Und das Du Königsberg nicht sterblich bist. In diesem Haus lebte bis 1945 die deutsche Dichterin Agnes Miegel, geb. 9.3.1879 Königsberg, gestorben 26.10.1964"

Das schrieben Tolkemiter, die geflüchtet waren, auf Postkarten 1945 an in Tolkemit Verbliebene (Briefe waren damals nicht erlaubt).

von Familie Silvester Wolkowski aus Kiel am 9.12.45

Karte an Familie Zander am 28.9.1945

Karte von Andreas Gillmann aus Wiefelstede am 16.2.1946

Entwicklung der Bevölkerungszahlen
Die Bevölkerung hatte ab 1920 eine steigende Entwicklung genommen. Nach einer Statistik von 1937 für die Provinz Ostpreußen, zu der Tolkemit von 1920 bis 1939 gehörte, hatte die Stadt den höchsten Anteil an Kindern bis zum Alter von 14 Jahren. Familien mit mehr als vier Kindern waren eigentlich die Regel. Viele Tolkemiter Familien hatten aber weit mehr Kinder. Ende 1938 betrug die Einwohnerzahl 3850. Durch die Kriegsereignisse war ein ständiger Wechsel im Einwohnerbestand festzustellen. Zuletzt wurden diese Zahlen noch durch Evakuerte und Flüchtlinge beeinflußt. Man kann von folgenden Zahlen ausgehen:

Einwohner Ende 1944:
Abzüglich aller Bewohner im Kriegsdienst:
Geflüchtet bis zum 24. Januar 1945:
Geflüchtet am 4. Februar 1945
Von den Russen umgebracht:
Verstorbene durch Hunger und Krankheiten:
Nach Rußland Verschleppte:
Ausreise November 1945:
Vertreibung Juli 1946:
Vertreibung Oktober 1947:
In Tolkemit verbliebene Bewohner:
4.000
1.000
1.000
500
200
200
300
100
600
100
0

Verzweiflung - Berge von Schmerz
Lieselotte Planger-Popp
Holzschnitt 1948

Du kannst Dich
aus Deiner Heimat
entfernen,
aber Deine Heimat
entfernt Dich nie!

Henry Ford


Tolkemiter gedachten der Toten 1996 am Ehrenmal im Erlenwäldchen.

E n d e

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