Tolkemiter Nachrichten - Teil 2

Tolkemiter Erde - Geschirr in Deko

Wie wir bereits früher berichteten, haben wir zu dem Kopernikus-Museum in Frauenburg ein sehr gutes Verhältnis aufgebaut, da sich dieses Museum als einziges seit Jahren für die Tolkemiter Töpfereien interessiert. Wie schon vor zwei Jahren, haben wir am 17. Juni nach einer Führung und Orgelmusik im Dom auch neben allgemeinen Ausstellungsgegenständen die vom Museum zusammengetragenen Exemplare Tolkemiter Erde im Hospital zum Heiligen Geist (Kellerräume) besichtigt. Wir konnten als Geschenk aus dem Erbe einer Tolkemiterin einen Teller und einen Weinlaub-Krug und Becher übergeben. Der Leiter und die Mitarbeiter des Museums haben sich darüber gefreut. Von Besonderheit ist, daß diese Gegenstände nun wieder fast an den Ort ihrer Entstehung zurückgekehrt sind.
Wir sind dem Museum dankbar, daß es zur Erinnerung an die alte Töpfertradition von Tolkemit beiträgt, denn allgemein wird nur von der erst vor 100 Jahren entstandenen Cadiner Majolika berichtet. Sicher hat diese vom Kaiser Wilhelm II gegündete Manufaktur in kurzer Zeit eine große Bedeutung erlangt. Die nötige Unterstützung durch den Kaiser und die Zusammenarbeit mit bekannten Künstlern brachten der Majolika einen ausgezeichneten Ruf ein. Dabei sollte auch daran gedacht werden, daß überwiegend Tolkemiter in dem Unternehmen tätig waren, Menschen, die durch den Niedergang der Töpfereien von Gebrauchtwaren (Schüsseln, Töpfe usw.) arbeitslos geworden waren.

Das Kopernikus-Museum in Frauenburg hat einen ganz besonderen Beitrag zu dem Thema im Internet unter www.frombork.art.pl/Nie.htm veröffentlicht, den wir nachstehend wiedergeben:

Frombork - Museum
Tolkemiter Erde - vergessene Manufaktur

Die Ausstellulng Tolkemiter Erde - vergessene Manufaktur stellt Errungenschaften der heute unbekannten Werkstatt aus Tolkemit dar, die auch einen Beitrag zu Erforschungen des Tolkemiter Keramikzentrums leistet, aber die letzten fünfzig Jahre in völlige Vergessenheit geraten ist.
Tolkemit, seit Jahrhunderten neben Cadinen die wichtigste Töpferstätte am Frischen Haff, trug nicht ohne Grund den Namen Töpferstadt. In der besten Zeit, an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, beschäftigte sich hier mit dem Töpferhandwerk jede zehnte Familie, wobei die Keramikproduktion auch im Ziegelwerk stattfand. Wie groß diese Erscheinung war, kann auch die Tatsache bestätigen, daß auf dem Frischen Haff Spezialschiffe gefahren sind, die dem Transport des Keramikmaterials gedient haben, Tolkemiter Lomme genannt. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als es hier 46 Werkstätten gab, kam die hiesige Töpferkunst allmählich herunter. Eine der Ursachen davon war die Verbreitung des emaillierten Blechgeschirrs. Nicht ohne Bedeutung war auch der Umzug der Fachkräfte zu der nahe gelegenen Ortschaft Cadinen, wo 1903 die Kaiserliche Majolika-Werkstatt Cadinen entstanden ist. Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Werkstattmenge zu 27 heruntergefallen, einige Jahre später dagegen wurden nur 9 notiert und in den 30ziger Jahren nur noch 2 - die Werkstatt von Johannis Seeger und die neu eröffnete Kunsttöpferei Tolkemiter Erde.

Die Manufaktur wurde 1935 an der Hafenstraße aus der Initiative der Verwaltung der Stadt Tolkemit gegründet, die dadurch die verschwundene Keramiktradition wieder ins Leben rufen wollte. Die ersten Jahre brachten keine Erfolge, weil es in der Töpferei fast keine? Töpfer gab. Die meisten von ihnen haben in dem nahe gelegenen Cadinen in der Kaiserlichen Majolika-Werkstatt gearbeitet. Es war notwendig, die Töpfermeister von außen heranzuziehen. Um sich der Sorge zu entheben, hat der Bürgermeister von Tolkemit, Bernhard Schlie, 1938 die Manufaktur dem Kaufmann aus Hamburg, August Caspritz, übergeben. Obwohl August Caspritz nie etwas mit der Keramik zu tun hatte, hat er schnell die Manufaktur zum blühenden Zustand gebracht und beschäftigte dort 60 Personen. Die Tätigkeit der Firma fiel in die schwierigen Kriegsjahre und 1941 wurde das Gebäude in Folge eines Brandes schwer beschädigt. Trotzdem ging das Unternehmen gut bis Ende 1944. 1943 wurden die Produkte aus Tolkemiter Erde auf der Ausstellung in Leipzig gezeigt. August Caspritz übernahm auch das seit einigen Jahren stellgelegte Ziegelwerk, wo er nicht so anspruchsvolle Keramiksorten, wie z.B. Blumentöpffe, produzierte.

Die Erzeugnisse der Manufaktur knüpften hauptsächlich an die reiche örtliche Tradition an, obwohl man versuchte, der Mode nachzufolgen, wovon das Geschirr mit Art Deco-Stilistik zeugt. Die traditionelle Form der Gefäße begleiten jedoch überwiegend traditionelle Malerdekorationen, die aus Ziermotiven bestand, die entweder der örtlichen Flora und Fauna entnommen wurden, oder hier seit Jahrhunderten populäre umlaufende Rillen bzw. Wellenlinien darstellten. Bei der Glasur wurden meistens solche Farben wie beige, braun, elfenbeinfarbig, grün, grau und schwarz verwendet. Die Dekoration war mit blauen, grünen und braunen Farben emalt. Alle Gefäße wurden traditionell mittels Töpferscheibe angefertigt und die Malerdekoration wurde mit der Hand aufgetragen. Die Erzeugnisse wurden mit dem in der Masse abgedrückten Wappen der Stadt (Eichendreiblatt) mit der Aufschrift Tolkemiter Erde signiert. Die Zeichen begleitete die Aufschrift Ostdeutsche Handarbeit oder Ostdeutsche handgemalte.

Der Krieg kam nach Tolkemit erst im Januar 1945 mit der Roten Armee. Der Eigentümer der Firma August Caspritz mit seiner Familie begab sich auf die Flucht über das vereiste Frische Haff erst zwei Tage vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Tolkemit.

Während der Kriegshandlungen nahm die Manufaktur fast keinen Schaden. Kurz nach dem Krieg im Juli 1946 wurde die Produktion unter der Firma Baltysckie Zaklady Ceramiczne (Baltische Keramikwerke) wieder aufgenommen. Das fehlende Werkzeug wurde ergänzt und Rohstoffvorrat vorbereitet. In die Stadt wurden auch Keramikspezialisten herangezogen. In der besten Nachkriegsperiode arbeiteten hier ca. 50 Personen, die einige tausend Fertigprodukte herstellten. Die Fabrik hatte auch mehrere Aufträge und es schien, daß sie mit dem Vertrieb keine Probleme hat. Trotz der optimistischen Prognosen wurde schon im Dezember 1948 beschlossen, das Werk aufzulösen. In Liquidation blieb das Werk noch bis 1952, wobei man dann nur Blumentöpfe und Fischergeräte herstellte.
Die Kriegswirren verursachten, daß die das Vorkriegsschicksal der Werke betreffenden Dokumente verloren gegangen sind. Die Geschichte der Tolkemiter Erde gelingt es dank der Hilfe von Herrn Leo Lindner aus Hamburg, ehemaliger Bewohner der Stadt Tolkemit und unermüdlicher Chronist der Stadt, zu rekonstruieren, der persönlich den Eigentümer der Fabrik, August Caspritz, kannte. Die Nachkriegsperiode in der Geschichte der Werke wartet jedoch weiterhin auf eine ausführliche Bearbeitung.
Die Manufaktur, die das Thema der Ausstellung darstellt, war nur neun Jahre als Tolkemiter Erde und praktisch nur zwei Jahre als Baltische Keramikwerke tätig. Ein halbes Jahrhundert lang war das Thema weder in Polen noch in Deutschland aufgenommen und deswegen ist die präsentierte Sammlung einmalig. Die Ausstellung in mittelalterlichen Kellerräumen des Hospizes Zum Heiligen Geist ist schon die zweite Keramiksammlung aus der vergessenen Manufaktur im Nikolaus-Kopernikus-Museum. Die erste fand 1988-1999 im Bischofspalast statt.

Hinweis:
Wer Gegenstände Tolkemiter Erde besitzt und sie zur Erhaltung für die Nachwelt zur Verfügung stellen möchte, kann sich an Leo Lindner, Hamburg, wenden.

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