TOLKEMIT
Die Kleine Stadt am Frischen Haff
Tolkemiter Nachrichten
A k t u e l l e s
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Folgeseite zur Weihnachtsausgabe 2006 der Tolkemiter Nachrichten
Berichte und Anekdoten aus der Vergangenheit


Die" Tolkemiter Nachrichten" werden sich in diesem Jahr nicht nur auf die Gegenwart beschränken, sondern auch Berichte und Anekdoten aus der Vergangenheit zum Inhalt haben, um dadurch Erinnerungen an eine "gute, alte Zeit" wach zu halten.
Meldung von 1908 ·Schichauwerft in Tolkemit?
. Wer hat Kenntnis Von den nachstehend geschilderten Tatsachen aus dem Jahr 1908? Hier nun der Bericht aus alter Zeit der einen ganz brisanten Vorfall zum Inhalt hat.
Eine Angestellte der Stadtverwaltung in Tolkemit erinnert sich an folgende Begebenheit: Auf Anweisung des Bürgermeisters wurden die Bodenräume des Rathauses 1939 aufgeräumt um diese "Luftschutz gerecht' herzurichten. Dabei wurden seltene Schrift­stücke und Urkunden gefunden.
Besondere Aufmerksamkeit erweckte bei den "Saubermachern" ein
_AkterlbündeLdas einen umfangreichen Sehriftwechsel  zwischen­der Direktion der Schichau AG in Elbing und der Stadtverwaltung in T olkemit aus dem Jahr 1908 enthielt. Nach entsprechender Sich­tung kam ein bedeutender, aber bereits in Vergessenheit gerate­ner, Vorgang ans Licht.
Danach hatte Schichau den Plan, die gesamte Werftanlagen in Tolkemit zu errichten und entsprechend auszubauen. Die Lage der Werft in Elbing stellte die Firma durch die Versandungen des Elbing-Flusses vor große Probleme. Deshalb bot sich Lage von Tolkemit direkt am Haff für dieses Vorhaben an.
Haben die Tolkemiter vor langer Zeit die große Chance für eine Industrieansiedlung nicht erkannt? Wie es sich aus der Aktenlage ergab, hat man sich die Entscheidung damals nicht gerade ,Ieicht' gemacht. Viele lange Debatten zu diesem Thema fanden innerhalb der verschiedenen Interessengruppen statt. Besonders einflußrei­che Kreise der Stadt waren damals die am meisten betroffenen Stände der Schiffer und Bauern. Die Stadtverordneten lehnten schließlich das Angebot von Schichau ab. Sie wollten in ihrem eigenen Interesse alles beim ,alten" belassen.
In Tolkemit hat es über eine derartige Entscheidung große Aufre­gung gegeben. Für viele Menschen war es nicht zu verstehen, warum eine solche Möglichkeit ausgelassen wurde. Die Arbeits­möglichkeiten in der kleinen Stadt waren damals knapp, zumal das Töpfergewerbe gerade einen totalen Niedergang erlebte.
Es wurde auch noch berichtet, daß Schichau erst nach der Ableh­nung von Tolkemit mit der Stadt Elbing in Verhandlungen eintrat.
. Was wäre wohl in Elbing passiert, wenn Schichau nach Tolkemit gegangen wäre? Es ist gar nicht auszudenken! Die Entwicklung der gesamten Region hätte sich dann sicher total verändert. Schließlich kann man zu dem Ergebnis kommen, Elbing hat die weitere Industrieansiedelung und die erreichte regionale Bedeu­tung seit dem Beginn des letzten Jahrhunderts eigentlich Tolkemit zu verdanken! T olkemit blieb trotz großer Bemühungen weiter eine verträumte Kleinstadt.
Als Abschluß dieser Betrachtung sei hier der Ausspruch einer Tolkemiter Großmutter aus der Zeit um 1900 angeführt::
" Wenn de Schepp f1eege, un de Woge ohne Peard alleen fohre, un de Frue Sexe anhewwe,
denn es de jüngste Dag nich mea wiet"
Mot wie nu al bold mettem ,Jüngste Dag" rekne?

Die Sache mit den Bei-Namen
HELENE DOMBROWSKI· PATSCHKE· LEO LNDNER
In Tolkemit hatten viele Menschen einen Bei-Namen. Der Grund dafür war sehr einfach. Es gab eben immer mehrere Familien mit den gleichen Namen und die galt es auseinanderzuhalten. So hatte man einem Tolkemiter den Bei-Namen" Pisnok" gegeben. Warum das so war, konnte keiner erklären. Es war eben so. Niemand sah darin eine Herabsetzung, bis es einmal dem "Pisnok" einfiel, einen Tolkemiter Gastwirt vor Gericht anzuzeigen. Es kam nun zur Ge­richtsverhandlung. Es wurde sogar ein Dolmetscher herangezogen. Der Name käme, so stellte sich heraus, aus dem Litauischen und sollte der "Gold reiche" bedeuten. Die Zeitung schrieb, daß der Richter gemeint hätte: "Auf den Namen sollten Sie doch eigentlich stolz sein, statt beleidigf.
Wie sich nun der "Pisnok" und der Gastwirt geeinigt haben, ist nicht bekannt. Üblich war es, danach einen Schnaps zu trinken und die Angelegenheit zu begraben.
--- Abschließend-sei-noch-vermerkt, daß der "Pisnök"noch drei Brüder hatte, die ebenfalls Bei-Namen hatten und zwar die folgen­den: "Schweizer", "Maschinski" und "Jäger".
Was sagen sie nun dazu?
Töpfer in der alten Zeit
JOHANNATRAUTMANN
Meine Ausführungen zu dem "Thema Töpfer in Tolkemit" habe ich meiner Mutter zu verdanken. So mußte meine Mutter dem Vater beim kneten von Lehm helfen. Es war ein Beruf der nicht viel ein­brachte. Die Leute waren recht arm. Da Wasser eine bedeutende Rolle spielte, hatten wir einen Brunnen im Hof. Die geformten Sachen mußten trocknen und wurden dann gebrannt. Danach wurde sortiert und die guten Stücke mit einer hellroten Farbe eingepinselt. Auch bestimmte Glasierungen wurden vorgenom­men.Dadurch konnte man die Ware der einzelnen Meister unter­scheiden So war es z.B bei Köwitz ein gelblicher im "Zick-Zack" verlaufender schmaler und breiter Streifen. Im Frühjahr und Som­mer wurde auf Vorrat gearbeitet.
Im Herbst hat sich mein Großvater dann einen Schiffer mit Lamme gemietet. Dann sind sie voll beladen über Haff und Weichsel bis nach Danzig zum "Dominik", wohl ein besonderer Markt, gefahren. Meine Mutter die mitfuhr, erzählte mir von guten Verkäufen. Über­wiegend wurde Geschirr für den Haushalt und zwar Töpfe und Schüsseln aller Größen hergestellt. Mein Onkel, der im gleichen Haus wohnte, hatte von seinem Vater eine ganz große Schüssel bekommen. Darin hat die Tante alle ihre Säuglinge gebadet. Sie war sehr stolz auf dieses Stück, aber dann auch traurig, als die Schüssel kaputt ging.
Das gesamte Handwerk ist dann in der Töpfergasse (Täppagass) nach und nach zum Erliegen gekommen. Der letzte Töpfer hier war Dobschinski, der noch jünger war. Er ging, wie andere Tolkemiter Töpfer auch, in die neue Majolika nach Cadinen. Es gab aber zu dieser Zeit noch mehrere Töpfereien in Tolkemit. Franz Zimmer­mann in der Turmstraße, Franz Seeger in der Frauenburger Stra­ße, Ellerwald und Ewert auf dem Hinterhaken. So erinnere ich mich noch daran, daß Frau Ellerwald an der Kirchhofmauer mit ihrer Ware stand und sie zum Verkauf anbot wenn ich zur Schule ging. Das sind noch meine Erinnerungen zu den Töpfern in Tolkemit.

Klopse, Krischel und Eintauchen - HELMUT ALBRECHT -
1. November, Allerheiligen, die ganze Familie geht zum Friedhof, um ihrer Toten zu gedenken! So war es auch in Tolkemit. Man traf sich dort mit anderen Verwandten und gemeinsam wurde von Grab zu Grab gegangen. Meist war es zu dieser Jahreszeit schon sehr kalt und es hatte manchmal sogar schon geschneit. Wir Kinder froren und waren froh, wenn die Zeremonie vorüber war.
Anschließend gingen wir dann alle zu Tante Grete auf die Insel, das war die Marienstraße, also gleich in der Nähe des Friedhofs. Dort am Bach war der Bauernhof von meinem Onkel Ferdinand Beuth. In der Wohnstube verbreitete der Kachelofen wohlige Wär­me, der Küchenherd war schon vorgeheizt und mehrere große Bratpfannen standen bereit, der Tisch war gedeckt. Doch die Män­ner tranken erst mal einen Schnaps zum Anwärmen.
Neben der Kartoffel gab es in Ost- und Westpreußen noch ein ­Hauptgemüse und das war der gebratene Klops, eine Art Frikadelle, nur wesentlich fleischhaitiger, saftiger. Vom Klops behauptete dann auch der Volksmund: sie seien das beste Rundgemüse! Klopse mußten beißbar sein, aber dennoch wie auf der Zunge zergehen und zugleich intensiv nach Fleisch schmecken. Dann gab es noch die sogenannten Krischeln. Das waren Bauchspeckscheiben mit viel Zwiebeln in der Pfanne gebraten bis sie schön räsch, also bekrischelt waren. Diese beiden Gemüse wurden nun in der Pfan­ne zubereitet und dazu gab es dann das hausgebackene Brot. Es war schweres, dunkles, verführerisch duftendes Roggenbrot.
Also, Klopse, Krischeln und das warme Fett mit Zwiebe.ln wur­den in zwei Schüsseln auf den Tisch gestellt, dazu einen Korb mit geschnittenem Brot. Die Schnitten wurden gebrochen und in das flüssige Fett getaucht, dazu Klopse und Krischeln gegessen. - gut und reichlich, fett und herzhaft - das war die Devise der soliden ostpreußischen Hausfrauen. Und deren größte Freude Gäste be­wirten zu können, denen es schmeckt und die gut zulangten.
Doch das wollte auch alles verdaut werden; und da erwies sich Stobbes Machandel als wahre Magenmedizin. Dementsprechend lautete ein Sprichwort: "Vor dem Schnaps e Schnaps'che und nach jedem Schnaps'che e Schnaps so kommt man durch", Durch die,­Mahlzeit nämlich.
Nachdem alle durchgewärmt und satt waren, auch genug ge­schlabbert hatten, zog man wieder nach Hause. Nun war Allerheili­gen für alle gut gewesen, für die Toten und auch für die Lebenden!
Meine Frau, eine echte Rheinländerin - obwohl in Tolkemit geboren - hat von ihrer Mutter ostpreußische Sitten, Gebräuche und Kochrezepte übernommen. Da sie gerne kocht, gibt es bei uns auch heute noch: Königsberger Klops, Rinderfleck, Plumekielke, Sauerampfersuppe und eben Eintauchen. Die Bezeichnung für dieses Gericht ist keine alte Überlieferung, sondern eine Erfindung unserer Tochter, weil das Brot ins Fett eingetaucht wird.
Auch heute noch wird dieses Traditionsessen nach dem Fried­hofsbesuch in unserem Hause serviert. Die ganze Sippe freut sich schon darauf und alle kommen gerne zum Eintauchen!

"Dusend nehm we noch" - Leo Lindner -
Im Hafen von Panklau kam es zu folgender Begebenheit:
Die Lomme eines Tolkemiter Schiffers wurde mit Ziegel beladen. Der Schiffer war darauf bedacht, möglichst viele Steine aufzuneh­men, um so mehr Geld für die Reise nach Königsberg zu erhalten. Der Vorarbeiter der Ziegelei, der für die Beladung verantwortlich war, fragte den Schiffer: Wiffel wellst noch hewwe ?". Darauf antwortete der Schiffer:
"Dusend nehm we noch".
Dieses Frage- und Antwortspiel wiederholte sich noch mehrere Male.
Als nun vermeintlich alles fertig war und der Schiffer ablegen wollte, rührte sich nichts mehr. Es stellte sich heraus, daß der Schiffer zu hoch gepokert hatte. Die Lomme, prallvoll mit Ziegeln, lag nämlich. auf Grund. Dieser Umstand führte zur allgemeinen Heiterkeit und Schadenfreude, denn ein Teil der Steine mußte nun mit eigner Kraft wieder hinaus.
De Klingaschlede
ERMINIA v: ELFERS-BATOCKI; Tolkemiter Platt LEO L1NDNER
Eck hew e klienet Peardke, eck hew uck ne Pitsch,
un eck hew e scheene Schlede, gew dat et nu glitscht!
De easchte Schnee es jefalle, schnell, et Schemmelke väa! Nu fohre wi Schlede, emma kriez un uck quear!
De Metz oppe Kopp, un de Feet mangkem Stroh,
Fief Klingre am Schlede, dat bimmelt man so!
. De Pitsch enna Fust un de Lien en de Häng
Klingeling! Doa korne de Kinga jerennt!
Un jederer scharrt, dat he opspringe kann!
He, Junges! Marjelles! Nu kickt eena an!
Mien Schemmel geiht lostich met "Hussa" un "Hopp"!
Juchheidie! Schneeballkes suse em äwre Kopp.
Nu lostich, ju Kinga enne Schlede krupt ren,
to Gast kemmt de Winta, dem klingre wie en.

60 Jahre unter den Dielen verborgen
In der Ausgabe 2005 habe ich über einen Fund von Papieren in der Neukirch-Höher-Straße berichtet. Wie sich nachträglich herausstellte, handelte es sich bei der FundsteIle um ein gemeinsames Versteck der Familien Klatt und Wolter, und zwar bei der Familie Wolter im Haus Nr. 12. Inzwischen sind auch noch weitere Gegenstände von Tolkemit eingetroffen. Die dort versteckten Papiere scheinen recht unsortiert in Eile dort hineingekommen zu sein. Persönliche Unterlagen gelangten an die noch lebenden Nachkommen der Familien Klatt und Wolter.
Hier nun einige vorgefundene Papiere
In den letzten 60 Jahren sind in Tolkemit schon einige versteckte und vergrabene Dinge zum Vorschein gekommen, ohne das dieses bekannt gemacht wurde. Dieses ist der erste Fall, daß die Finder sich die Arbeit gemacht haben, die ursprünglichen Besitzer zu ermitteln. Dafür vielen Dank. Wenn es auch keine wertvollen Sachen sind, so haben sie doch großen Erinnerungswert.