Fortsetzung Tolkemiter Nachrichten - Weihnachten 2009 - Zur Seite 1 -
Zunächt folgen zwei Bilder mit "seiner" Musikkappelle/Spielmannszug in Tolkemit:

Musikkapelle des Kath. Gesellenvereins
mit Aloys Mohn. In der Mitte Vater Mohn,
verantwortlich für die Noten

Tolkemiter Kath. Spielmannszug
vor der Kirche angetreten. In der Mitte
Aloys Mohn als Leiter der Formation.

Rückblick:
Vor 65 Jahren

Was geschah vor 65 Jahren?
Obwohl der Krieg andauerte und die Fronten bedrohlich näher gekommen waren, verlebten die Tolkemiter noch relativ ruhige Kriegsweihnachten. Die Situation verschlechterte sich, als am
14. Januar die Großoffensive der Sowjets begann. Nun begann, wie überall im Osten Deutschlands, der Leidensweg der Zivilbevölkerung. In meinem diesjährigen Brief habe ich in Auszügen zwei Berichte von "jungen" Menschen aufgenommen, die über ihr Leben in Tolkemit und die Flucht berichten.
Nachfragen hierzu bitte an mich richten.

Walter Mikoleit, zweitältester Sohn eines Zollbeamten schreibt:
Ich war verliebt in die herrliche Hafflandschaft und die offenen, landverbundenen Tolkemiter in der kleinen Stadt, in der ich wunderschöne Jugendjahre verleben durfte. Wir, meine Familie und ich, hatten nach der Versetzung meines Vaters von Schadewinkel zum Frischen Haff zunächst im Hause der Filiale "Jorzig" am Hinterhaken 1 eine Wohnung gefunden, bis mein Vater 1939 eine Dienstwohnung im Zollhaus erhielt. Vor uns hatten dort die Polizeibeamten Führes und Mischel mit ihren Familien gewohnt. Wir hatten so mehr Raum für unsere Familie, Gärten und Ställe nahe der "Beek", die durch das Ellerwäldchen floß und ins Haff mündete. Ein ganzer Schwarm von Fahrschülern steuerte jeden Morgen zum Bahnhof der Haffuferbahn, um zu den weiterbildenden Schulen nach Braunsberg zu fahren. Meine Mitschüler waren Ewald Fox und Alfred Wolkowski. Zu den weiteren Mitschülern gehörten die Geschwister Felizitas, Giesela und Brunhilde Muth, Brigitte Moschallski, Marianne Fox, Horst Fritsch und die Phol-chens aus Luisenthal. Im Winter hatte die Bahn manchmal Schwierigkeiten, da die Gleise durch Eis und Schnee versperrt waren. Falls dieser Zustand öfter vorkam und wir verspätet in der Schule ankamen, stellte unser Klassenlehrer fest: "Der liebe Gott muß wohl in Tolkemit zu Hause gewesen sein".

Da ich einer der wenigen Schüler nach Schließung der ev. Schule unter Lehrer Beust war, nahm ich mit meinem Freund Heinz Zimmermann vom Hinterhaken auch am kath. Religionsunterricht bei Frl. Hermann aus Gleiwitz teil und beteiligte mich beim Glockenläuten und Straßenschmücken, wenn ein größeres kath. Fest anstand oder der Bischof Kaller angesagt war. Als meine Mutter dahinter kam, daß ich mit meinem Freund nicht nur zum Stuchelfangen zum Hafen ging, oder zum Beerenpflücken nach der Wiek oder zum Sonnen (Schmoren) auf den Findlingen der Mole, war es mit der Teilnahme am kath. Religionsunterricht vorbei. Der schon pensionierte Rektor Braun wurde reaktiviert und hielt für meinen Bruder Alfred und für mich Sonderunterricht am Nachmittag ab. Und meinen schönen bebilderten Kathechismus mußte ich auch zurückgeben.
Heinz entschädigte mich oft für erlittene Unbill. Mit ihm lernte ich schwimmen im Hafen und später kam das Springen von den höheren Pfählen an der Mole mit schlickbeschwärztem Leib hinzu, wenn der Dampfer "Tolkemit" vorbeifuhr.

Auch bei unseren Touren auf winterlichem Eis bis zum "Heiligen Stein" war Heinz stets dabei. Eine Fahrt über das Eis wurde uns fast zum Verhängnis. Wir brachen trotz aller Vorsicht ein. Nach dem unfreiwilligen Bad im Haff ging es sofort mit Bravour zurück. Alfred und ich zogen nun den Schlitten mit Bruder Jochen und Heinz, die leicht angefroren waren, in schnellem Lauf nach Hause. Jochen erhielt gleich eine Abreibung mit Schnee, Alfred und ich eine eine solche mit dem Lederriemen. Weitere Strafe für alle: Ohne Abendbrot ins Bett.

So wenig, wie meine Mutter anfänglich nach Tolkemit ziehen wollte, so schwerer fiel ihr der Abschied von dem wundeschönen Land am Haff, als Erich Modersitzki am 23.1.1945 zur Flucht ins Reich mahnte. Wir schafften den Weg über das schneebedeckte, von Eisbrechern aufgerissene Haff nach Kahlberg, wo wir am 24.1. gegen 5 Uhr morgens ankamen. Vater sorgte für den Weitertransport über Danzig nach Berlin. In Liebenwalde blieben wir bis Ende April 1945 und flüchteten vor der Roten Armee weiter Richtung Westen bis Timmerhorn bei Hamburg. Schließlich holte uns der Vater nach Entlassung aus englischer Kriegsgefangenschaft im August 1945 nach Gronau. Erst 1947 erhielt unser Vater wieder eine Anstellung beim Zoll. Bis dahin lebte wir zunächst in größter Not. Erst ab 1947 ging es langsam aufwärts. Wir Jungen gingen hier zur Oberschule und machten das Abitur. Ein guter Gott und die Sisyphusarbeit unserer Eltern ließ aus uns jungen Prußenabkömmlingen bundesrepublikanische Juristen werden.

Nachdem meine Mutter von den Russen festgenommen und mit etlichen Männern zusammen in einem Keller gesperrt worden war, wurde ich mit meinen Schwestern zu einem Förster außerhalb von Tolkemit gebracht. Meine Schwestern weinten dauernd wegen meiner Mutter, was ich in meiner kindlich-naiven Wahrnehmungsweise nicht verstand. Nachdem die Russen zurückgedrängt wurden, kam auch meine Mutter wieder frei. Nun gab es eine Fluchtmöglichkeit über das Haff und wir zogen mit dem Schlitten los. Wir mußten uns wegen Beschuß durch Tiefflieger in den Schnee werfen, was ich als großen Spaß empfand. Waren die Flugzeuge weg, standen wir auf und ich fragte meine Mutter, warum die vielen Männer, die in der unmittelbaren Umgebung auf dem Eis lagen, nicht aufstehen würden. "Sie schlafen", beschwichtigte meine Mutter.
Am 4. Februar gingen wir zusammen mit dem Bauer Schulz auf die Flucht in Richtung Frauenburg, von wo es über das Haff ging. Es gab viele Halte. Iimmer wieder Tiefflieger, die auf uns schossen. Ich hatte jetzt panische Angst, Mutter zu verlieren. Wir Kinder konnten auf dem Wagen bleiben, die Erwachsenen durch den Schnee übers Eis. Die Angst war so groß, daß es zu Agressionsausbrüchen unter uns Kindern kam. Vor Aufregung wurde mir mein Gesicht zerkratzt und es blutete.

Wir gedenken unserer Toten
Mit jedem Toten, den wir lieben
stirbt ein Teil von uns.
Von jedem Toten, dem wir verbunden sind,
bleibt ein Teil von uns.

August Adalbert, Neukirchhöher Str. 5, 82 Jahre, Fiß Rosa geb. Harwardt, Elbinger Str.47,
83 Jahre, Funk Leo, Frauenburger Str. (Schule), 82 Jahre, Giersdorf Bruno, Hinterhaken 43, 86 Jahre, Götz Anni geb. Ehm, Elbinger Str. 17, 82 Jahre, Grimm Lothar, Vorderhaken, 81 Jahre, Gurk Herta geb. Heidebrunn,Vorderhaken 50, 90 Jahre, Jepp Egon, Turmstr. 11, 77 Jahre, Komsthöf Georg, 81 Jahre, Lingner Franz, An der Kirche 13, 90 Jahre, Mehrmann Helene, Am Turm 6, 81 Jahre, Müller Antonie geb. Funk, Frauenburger Str., 79 Jahre, Sarafin Valerie geb Trautmann, Vorderhaken 3, 79 Jahre, Schröers Hedwig geb. Trautmann, Vorderhaken 3, 82 Jahre, Schulz Herta geb. Abromsen, Cadinen, 88 Jahre, Splieth Gerhard, Sudetenstr. 50, 82 Jahre, Thimm Hedwig geb. Klein, Sudetenstr. 9, 94 Jahre, Zimmermann Paul, Turmstr. 17, 89 Jahre, Trautmann Ingrid geb Wedler, Alm Turm 6, 82 Jahre

Vom Tolkemiter Aal - Eine Geschichte in Versen
von Franz Kudnig - leicht verändert von Leo Lindner
In Tolkemits Hafen war große Not: Täglich kenterte dort ein Boot.
Doch war man sich keineswegs im Klaren, was die Gründe dieser Geschehnisse waren.

Die Fischer fuhren voll Furcht nur hinaus, keiner wußte: Kommst du lebendig nach Haus?
Oder wird an den bösen, heimtückischen Klippen womöglich dein schöner Kahn umkippen?

Einst - viele waren schon heimgekehrt - da hat sich das dunkele Rätsel geklärt:
Grad wollte das Boot des Koskowski umschlagen, da sah man einen riesigen Rachen ragen
weit, wie im Gebirge eine furchtbare Kluft.

Er zeigte die Zähne, zog schnuppernd nach Luft, und als man den Fischer aus dem Wasser gelesen, beschwor er, ein waschechter Aal wär`s gewesen; ein Aal o - fast ein Walfisch lang -.

Mit vielen erschreckend langen Stangen gedachte das tolle Tier man zu fangen.
Doch das Getier, es war schlauer als sie, indem es sie furchtbar mit Wasser bespie.

Am nächsten Tag war`s genau wie vorher. Der Aal kippte wieder drei Boote leer.
Da taten die Stadtväter eilends beraten und schritten nunmehr zu weisenden Taten.
Ihre Frauen kochten ein tolles Essen; das brachten die Männer dem Dämon zu fressen.

Nun ward wohl wohler dem teuflischen Aale. Er kippte ein einziges Boot nur noch um.
Da sprachen die Männer: Der Fall scheint zu lehren,
wir müssen dies scheußliche Mistvieh ernähren

Eines Tages war Schützenfest, da kriegte der Aal von allem den Rest.
Auch ein halbes Faß von dem Dünnbier war drunter. Dies machte das Untier ungemein munter.

Doch plötzlich ward ihm jämmerlich übel, dann zuckte sein Leib sehr und legte sich schlafen.
Doch siehe: Es schlief nicht! Das Biest war krepiert! Da haben die Tolkemiter toll jubiliert,
sind tief gerührt in den Arm sich gesunken und haben sich wie in ihrem Leben berunken!.

Tags drauf kam die ganze Stadt mit Gesang und legte den Toten an einen Strang. So liegt es
noch heut, wie Gerüchte berichten, - Tja, Leut`, es passieren ganz kuriose Geschichten!

Dieses ist die bekannte Zeichnung, die das Ende der Geschichte von dem Großen Tolkemiter Aal bildlich darstellt.

Jahreslosung 2010
Menschlichkeit
Ich wünsche dir,
daß du liebst, wo man haßt,
daß du verzeihst, wo man beleidigt,
daß du verbindest, wo Streit ist,
daß du die Wahrheit sagst, wo Irrtum ist,
daß du Glauben bringst, wo Zweifel droht,
daß du Hoffnung weckst, wo Verzweiflung quält,
daß du ein Licht anzündest, wo Finsternis regiert,
daß du Freude bringst, wo Kummer wohnt.

Renovierung der Herz-Jusu-Kapelle

Es ist das eingetreten, was man vermutet hatte. Die Kapelle ist in einem desolaten Zustand, und zwar innen und außen. So zeigen es auch die Fotos. Die Kosten für die Wiederherstellung haben sich dadurch deutlich erhöht. Es wird mit den aufwendigen Reparaturen langsam weitergehen. Weitere Spenden von uns würden dabei helfen!

Nun hat die genaue Ansicht der Verhältnisse und die Ermittlung der Schäden auch einen guten Aspekt gehabt. In der Kapelle befanden sich aufgeschichtet einige Grabkreuze und Steine aus deutscher Zeit. Diese hat nun der örtliche Pfarrer an besonderer Stelle des Friedhofes aufstellen lassen und so eine Erinnerungsstätte an die deutsche Vergangenheit geschaffen. Dafür unser besonderer Dank. Fotos folgen!

Schäden am Mauerwerk

Die Kreuze - Wege- und Erinnerungskreuze - in Tolkemit
Über diese Kreuze (Krieze) findet man einen Aufsatz im Buch "Tolkemit, Geschichte und Geschichten" von Helene Dombrowski auf den Seiten 235 bis 238. Nun sind in der letzten Zeit wieder Fragen aufgetaucht, die teilweise eine andere Deutung (wenn überhaupt eine bekannt war) zum Zweck dieser Kreuze gestellt worden. Deshalb möchte ich dieses Thema offenlegen. Falls Leser andere oder ergänzende Mitteilungen zu den Kreuzen machen können, sollte man mir das mitteilen.

Kreuze von links nach rechts:
1)Altarkreuz 2)Pestkreuz 3)Kreuz a.d. Friedhof 4)Kreuz im Heck
5) Kreuz Dünhöfer Weg 6)Kobergs-Kreuz am Weg zur Alten Burg
7)Cholera-Kreuz 8)Wiechmanns-Kreuz 9)Kreuz in Konradswalde
10)Jeppe-Kreuz am Weg zur Wiek unterhalb vom Galgenberg

Waldemar Tesser war Lehrer in Tolkemit und nach Kaplan Mohn der Dirigent des Musikkorps des Kath. Gesellenvereins - 1924

Weitere Bilder aus dem Kalander 2010 von Leo Lindner folgen auf einer Sonderseite

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