TOLKEMIT

Die Kleine Stadt am Frischen Haff

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Vor 60 Jahren
Das Ende des Krieges in Tolkemit
Flucht und Vertreibung - Zeitzeugen berichten

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Tolkemiter Nachrichten

Spendenaufruf Sozialstation Tolkemit

Vellmarer Schüler zum Thema <Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Osten Deutschland> Interview mit dem Zeitzeugen Helmut Lingner aus Tolkemit:

In der Gesamtschule Vellmar (bei Kassel) mit rd. 1000 Schülern behandelte ein Lehrer der Klasse 10 im Geschichtsunterricht das Thema "Vertreibung" nach dem
2. Weltkrieg. Er stellte den Schülern die Aufgabe, einen Zeitzeugen zu interviewen und dann das Interview im Rahmen eines Referates in der Schulklasse vorzutragen.
Aus dem Bekanntenkreis wurde ich von einem Schüler darauf angesprochen, ob ich zum Interview zu diesem Thema bereit wäre. Es kam dann zu dem folgenden Interview:

Einführung

Dieses Interview soll dazu dienen, uns über die Geschehnisse in den Ost-Gebieten Deutschlands aufzuklären, die während und insbesondere nach der Niederlage Deutschlands nach Ende des 2. Weltkrieges geschahen. Wir haben hier mit Herrn Lingner, ehemaliger Leiter der Orthopädischen Klinik Kassel, einen sehr kompetenten Ansprechpartner gefunden.

Herr Lingner wurde 1936 in Tolkemit in der damaligen Provinz Ostpreußen geboren. Nach der Vertreibung seiner Familie in das "neue" Deutschland schloß er zunächst die Schule ab. Danach absolvierte er eine kaufm. Lehre. Er ging dann als Zeitsoldat zur Bundeswehr. Es folgte eine Verwaltungsausbildung, die er mit dem Diplom "Verwaltungswirt" abschloß, gründete eine Familie und wurde Direktor des oben genannten Krankenhauses.

Heute lebt er in Vellmar und arrangiert sich sehr für den Katholischen Kindergarten, in der Kirchengemeinde befindet er sich im Vorstand.

Zu den Polen in seinem Geburtsort Tolkemit hat er regen Kontakt. Seit Jahren fördert der dort eine Sozialstation. Er hat auch nähere Kontakte zu dort lebenden polnischen Familien, die ihn bereits in Vellmar besucht haben.

Wir wollen uns bereits jetzt an dieser Stelle für die sehr arrangierte Mitarbeit bei Herrn Lingner bedanken.

Herr Lingner

Die Schüler
Martin Banze und Alexander Traxel

Konferenz der Siegermächte in Potzdam

Thema
"Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Osten Deutschlands nach dem Ende des Zeiten Weltkrieges"

Wir danken Ihnen, Herr Lingner, dass Sie dazu bereit sind, uns als Zeitzeuge zum Thema "Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Osten Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges" für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Zunächst möchten wir die folgenden Hintergrundinformationen geben:
In Konferenzen von Potsdam und Jalta legten die alliierten Siegermächte, vertreten durch den amerikanischen Präsidenten Roosevelt - nach seinem Tod Präsident Truman, den sowjetischen Marschall Stalin und den britischen Premierminister Churchill fest, dass die polnische Westgrenze entlang der Oder-Neiße-Linie verlaufen sollte. Außerdem beschlossen sie die "Aussiedlung", also die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den deutschen Gebieten östlich dieser Linie. Davon betroffen waren insbesondere die Menschen aus West- und Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudentenland. Es waren insgesamt 12 Millionen Menschen, die durch Flucht und Vertreibung ihre seit sieben Jahrhunderten angestammte Heimat verloren. An dieser Stelle dürfen wir nicht verschweigen, dass dies das Ergebnis der Eroberungskriege und der fürchterlichen Taten des Nazi-Regimes unter Adolf Hitler war. Es muß allerdings hinzugefügt werden, dass Zwangsumsiedlungen, also Massendeportationen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und damit völkerrechtswidrig sind. Als Beispiel können wir die erst vor kurzer Zeit die Geschehnisse auf dem Balkan nehmen, die uns noch in Erinnerung sind, wo viele Menschen ähnliche Schicksale erleiden mussten.

Nun zu unseren Fragen.
Frage:
Herr Lingner, beschreiben Sie uns bitte zunächt Ihre Situation - Wohnort, Familie -, bevor die Rote Armee Ihren Heimatort erreichte.



Antwort:
Mein Heimat- und Geburtsort heißt Tolkemit, eine Kleinstadt mit 4000 Einwohnern. Die Stadt liegt unmittelbar am Frischen Haff zwischen Danzig und Königsberg, also nahe der Ostsee. Zur Verdeutlichung: Wenn man von Rostock kommend den Weg entlang der Ostsee nimmt, erreichen wir nach 624 Tolkemit. Die Stadt gehörte bis 1919 zu Westpreußen und nach dem 1. Weltkrieg zur Provinz Ostpreußen. Hier haben seit Jahrhunderten meine Vorfahren, Eltern, Großeltern usw. gelebt.
Im November 1944 wurde ich 8 Jahre alt. Ich habe in Erinnerung, dass bis dahin das Leben in der Stadt relativ normal verlief. Von Kriegseinwirkungen war unsere Stadt verschont geblieben. Auch das Weihnachtsfest lief im Kreise der bis dahin kompletten Familie - Vater und Mutter und 3 ältere Brüder (17, 15, 9 Jahre) - normal ab. Mein Vater als Eigner eines Küstenmoterschiffes, das zu diesem Zeitpunkt im Danziger Hafen lag, war wegen der Schifffahrt vom Dienst in der Wehrmacht freigestellt, also bei uns zu Hause.
An Soldaten der deutschen Wehrmacht, die durch die Stadt fuhren und auch vorübergehend einquartiert wurden, hatten wir uns gewöhnt. Wir als Kinder fanden das ganz interessant. Nach Weihnachten 1944 registrierte ich, dass Flüchtlinge und sich zurückziehende Soldaten durch die Stadt kamen und auch den Weg über das zugefrorene Frische Haff nahmen, um nach ca. 8 km die Frische Nehrung zu erreichen und von dort nach Danzig zu gelangen.
Auch meine Eltern befassten sich mit Fluchtplänen. Als erste Konsequenz schickten sie meine beiden ältesten Brüder mit einem Teil verpackter Sachen über das Eis nach Danzig auf unser sich dort im Hafen befindliche Schiff. Diese Maßnahme sollte der Vorbereitung für eine Flucht der dienen. Von Danzig sollte es dann mit unserem Schiff in Richtung Westen gehen.
Das zögerliche Verhalten meiner Eltern in Absprache mit anderen Verwandten und das überraschende Einbrechen der Roten Armee in unsere Stadt machte die rettende Flucht leider unmöglich. Meine beiden Brüder, die inzwischen das Schiff in Danzig erreicht hatten, warteten leider vergeblich auf uns.

Wir wissen, dass die Rote Armee bereits im Herbst 1944 die Grenze Ostpreußens erreichte. Am 12. Januar begann die Offensive der Weißrussischen Front, die bereits am 26. Januar 1945 bei Tolkemit bis zum Frischen Haff vorstieß. Truppen der Roten Armee konnten sich in einer Zangenbewegung auf einer Breite von ca. 40 km zwischen Elbing und östlich von Tolkemit nach heftigen Kämpfen, die etwa 10 Tage anhielten, auf Dauer festsetzen.

Frage:
Wie haben Sie, Herr Lingner diese Situation erlebt und was geschah zu dieser Zeit und danach?



Antwort:
Ich kann mich an die Zeit ab dem 26. Januar 1945 und kurz davor sehr gut erinnern, weil ich die damaligen sehr schrecklichen Geschehnisse als 8-jähriges Kind sehr intensiv erlebt habe. Sie haben sich sehr tief in mein Gedächtnis eingeprägt .Etwa ab dem 15. Januar wurde es in unserer Familie sehr hektisch. Mit engsten Verwandten wurden Pläne für eine Flucht über das Eis des Frischen Haffs entworfen und auch wieder verworfen. Es sollte mit Pferdeschlitten über das Eis gehen. Schließlich blieb es bei den Plänen.
Ohne jegliche Vorwarnung der örtlichen Behörden drangen in der Nacht zum 26. Januar völlig unerwartet russische Soldaten in unsere Stadt ein. Zu unserem eigenen Schutz suchten wir mit anderen gemeinsam Zuflucht in Kellerräumen. Durch entsprechenden Lärm konnten wir erahnen, dass über mehrere Tage und Nächte hinweg heftige Kämpfe zwischen deutschen und russischen Truppen tobten. Da wir im Stadtzentrum wohnten, war für uns jegliche Fluchtmöglichkeit ausgeschlossen. Nach etwa einer Woche war dann alles vorbei Wir waren der Macht und der Willkür der russischen Frontsoldaten ausgesetzt, mit all den schrecklichen Ereignissen für Männer, Frauen und Kinder und den Brandschatzungen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte, weil dies eine "Geschichte" für sich wäre.

Die Beweglichkeit innerhalb der Stadt war für uns total eingeschränkt. Wir wurden, konzentriert in wenigen Gebäuden, festesetzt. Unser Haus, in dem eine russische Kommandantur eingerichtet wurde, durften wir nicht mehr betreten. So beschränkte sich unser "Hab und Gut" auf das, was meine Eltern und wir Kinder in Rucksäcken und Taschen - vorbereitetes Gepäck für den Ernstfall - mit uns führten.

Frage:
Was geschah nun mit Ihnen und Ihrer "Restfamilie" in der Folgezeit?

Antwort:
Nach etwa 2 Wochen wurde die "Restbevölkerung" unserer Stadt von den neuen Machthabern "sortiert". Sämtliche Männer und kinderlosen Frauen im arbeitsfähigen Alter wurden, ohne sich bei ihren Angehörigen verabschieden zu können, zur Zwangsarbeit nach Russland/Sibirien "verschleppt", zunächst per Fußmarsch, dann per LKW und in geschlossenen Eisenbahnwaggons. Durch Hunger und Misshandlungen haben viele das für sie bestimmte Ziel nicht erreicht. So erging es auch meinem Vater, der nach Augenzeugenberichten nach einer Misshandlung auf dem Transport nach Russland im Alter von 48 Jahren verstarb und irgendwo in Russland, so hoffen wir, seine letzte Ruhe gefunden hat.

Nun waren alle verbliebenen Familien um einiges kleiner geworden. Unsere einst
6-köpfige Familie war halbiert; meine beiden ältesten Brüder in Danzig, von deren Verbleib wir lange Zeit nichts wussten und mein Vater nach Russland verschleppt.
Wir schlossen uns mit einer verwandten Familie zusammen und waren dann für die Folgezeit eine "Großfamilie" von 8 Personen, wobei mein Bruder (10 Jahre) und
Ich (8 Jahre) die einzigen männlichen Personen waren und fortan auch die "männlichen" Aufgaben zu übernehmen hatten, soweit es in unseren Kräften stand.
Eine Wohnung in einem fremden Haus wurde uns zugewiesen. Die Bewegungsfreiheit beschränkte sich auf das Gebiet unserer Stadt. In den ersten Wochen ergab sich ein grauenhaftes Bild, durch Brand zerstörte Häuser im Zentrum der Stadt, herumliegende tote Menschen aus der Bevölkerung und Soldaten, erschossene Tiere. Für das Überleben mußte in der ersten Zeit jeder für sich selbst sorgen, indem in den Kellerräumen der Häuser nach Nahrung gesucht wurde. So ergab es sich auch einmal, dass mein Bruder und ich in dem Keller eines Hauses, in dem in der darüber liegenden Wohnung russische Soldaten bei Wodka eine Siegesfeier abhielten, nach Lebensmitteln suchten. Der Hunger war größer als die Angst.

Nach etwa 3 Monaten ging die Verwaltung der Stadt von den Russen auf eine polnischen Verwaltung über. So wie dies von den Siegermächten in Potsdam beschlossen war, siedelten sich nach und nach in unserer Stadt polnischen Familien an. Wir waren nur noch mehr oder weniger geduldet. Nach und nach entstand wieder eine Mindestversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Durch mangelnde Hygiene brachen allerdings bei Kindern und älteren Menschen Krankheiten, wie z.B. Typhus aus. Wir wurden, Gott sei Dank, von derartigen Krankheiten verschont.

Vertreibung Fortsetzung 1
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