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Vor 60 Jahren
Das Ende des Krieges in Tolkemit
Flucht und Vertreibung - Zeitzeugen berichten

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Zeitzeuge berichtet

Der Tolkemiter Leo Liedtke berichtet nach 60 Jahren als Zeitzeuge von seinen Erlebnissen beim Einmarsch der Russen im Januar 1945, der Vertreibung aus Tolkemit und den Beginn einer "neuen Heimat" in Nettetal

Seine Erlebnisse wurden wie folgt im Lokalteil Grefrath - Nettetal der WZ vom
22. Januar 2005 veröffentlicht:

"Wir wollten wieder zurück in die Heimat"

Im Juli 1946 verließ Leo Liedtke seine
ostpreußische Heimat. Hunderte von
Tolkemitern sollten im Kempener
Umland neue Wurzeln schlagen.

Von Verena Schade
Nettetal. "In der Not halten die Menschen zusammen". Von der Heimat sprechen, Erinnerungen austauschen - für Hunderte von Tolkemitern war das der einzige Trost, der geblieben war. Auch 60 Jahre nach Kriegsende kommen noch viele zu den jährlichen Treffen. "Mit der Zeit werden es immer weniger", sagt Leo Liedtke, heute 74 Jahre alt. Er weiß, dass diese Tradition mit seiner Generation aussterben wird. "Es kamen so viele damals", suchen die Liedtkes eine Entschuldigung für den Argwohn, mit dem man Mitte der 1940er Jahre den Vertriebenen begegnete. Von Solidarität unter den Deutschen war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht viel zu spüren. "Man mußte uns aufnehmen. Die wurden vorher nicht gefragt und die Not war überall groß." In der Plüschweberei kam die Familie unter, später wurde ihnen eine kleine Dachkammer zugewiesen.

Lange blieben die Vertriebenen unter sich. Seine Frau Paula ist ebenfalls eine Ostpreußin. "Wir sind erst 1947 rausgekommen", erinnert sie sich. Man habe sie nach Rußland verschleppen wollen, aber ihr gelang in letzter Minute die Flucht. "Ich bin die einzige aus meiner Schulklasse, die übrig geblieben ist", sagt die heute 76-Jährige und kämpft mit den Tränen.

Als im Januar 1945 die Russen im ostpreußischen Tolkemit einmarschierten, konnte die Hälfte der Bevölkerung vorher noch per Zug "abreisen". Dann wurde geplündert. "Sie kamen mit Lastwagen, haben die Häuser durchwühlt", erinnern sich die Liedtkes. Besonders "wild" waren sie auf Schmuck und Uhren. Der Vater, Ferdinand Liedtke, fiel den Russen in die Hände. Doch fand die Familie wieder zusammen.

"Zwei meiner Schwestern haben sie aber mit nach Rußland genommen." Leo Liedtke weiß, dass die beiden das wohl nicht überlebt haben. Er war damals 14 Jahre alt. "Pures Glück, dass ich nicht auch mitgenommen wurde", ist er dem Schicksal dankbar. Zumal sein ältester Bruder in Rußland gefallen ist und sich ein weiterer in französischer Kriegsgefangenschaft befand.

Im September 1945 kamen die polnischen Familien. "Die suchten sich ein Haus aus", schaudert es Leo Liedtke. "Wir mußten auf der Stelle raus", durften nichts mitnehmen. Man hatte den Polen gesagt, dass alles vorhanden sei. Sie kamen mit leeren Händen und bezogen ihre neue Heimat." So auch das Haus der Familie Liedtke, die bei Nachbarn unterkam. Monatelang mußten die vor Ort Gebliebenen für die Eindringlinge arbeiten. Leo Liedtke half im Haushalt des Bürgermeisters, schleppte unermüdlich Wassereimer. Ein Großteil der letzten Deutschen wurde im Juli 1946 per Viehwagen abtransportiert. Die Angst war groß. "Wir wußten ja nicht, wohin man uns brachte."

Für die Tolkemiter endete die Fahrt im Kreis Kempen. Die Heimatlosen sollten hier neue Wurzeln schlagen können. Sie hatten nicht mehr als das, was sie am Leibe trugen. "Sogar Schuhe haben sie einem abgenommen", kann Paula Liedtke auch heute noch nicht die Grausamkeiten des Krieges vergessen - geschweige denn verstehen. Aber sein kleines Gebetbuch, das konnte Leo Liedtke retten. "Wir sind durch die Hölle gegangen", sind sich die beiden sicher. Das habe aber immer wieder Mut gegeben: "Nach dem Motto: Uns kann nichts mehr passieren." Diese Einstellung half den Liedtkes dabei, wieder auf die Füße zu kommen. Wollte er als Junge noch Bauer werden, verdingte er sich in seiner "neuen Heimat" zunächst als Hilfsarbeiter - "ich dachte ja immer, wir können irgendwie wieder zurück." Mit diesem Wunsch stand er nicht allein. In Bonn protestierte er in den 1950er-Jahren mit vielen anderen. Als auch er einsehen mußte, dass eine Rückkehr nicht möglich war, wurde er Schreiner, später Lkw-Fahrer. Im Januar 1960 konnte er mit dem Bau eines Hauses beginnen.

In seiner alten Heimat war Leo Lindner drei Mal. "Ich bin netten Polen begegnet. Aber auch vielen, die mit uns Deutschen nichts zu tun haben wollen." Nachtragend möchte er nicht sein, aber er hat Schlimmes erlebt. Er versucht zu vergeben. "Aber vergessen kann ich das nicht."

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