TOLKEMIT

Die Kleine Stadt am Frischen Haff

A k t u e l l e s N e u

zur Startseite

Tolkemiter Nachrichten

Vor 60 Jahren
Das Ende des Krieges in Tolkemit
Flucht und Vertreibung - Zeitzeugen berichten

Gedenken nach 60 Jahren
60. Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gedenken wir der vielen Opfer, die durch Kriegseinwirkungen, Flucht und Vertreibung den Tod fanden.
Wir gedenken auch der 12 Millionen Menschen, die durch Beschluß der Siegermächte gewaltsam aus den deutschen Ostgebieten vertrieben wurden.
Für die Menschen in Tolkemit nahm am 26. Januar 1945 das Schicksal seinen Lauf: An diesem Tag drangen russische Panzertruppen in Tolkemit ein und stießen bis zum Hafen vor. Der Fluchtweg in Richtung Westen war abgeschnitten. Nur wenigen Tolkemitern gelang noch die Flucht über das zugefrorene Haff. Sie konnten sich buchstäblich in letzter Minute den dramatischen Ereignissen, die dann nach dem Einmarsch der russischen Truppen von den in der Stadt verbliebenen Menschen zu ertragen waren, entziehen.

Was geschah mit der Tolkemiter Bevölkerung - hier die Zahlen:

1000
1000
500
200
200
300
100
600
100
0
4.000
Bewohner im Kriegsdienst insgesamt
Geflüchtet bis zum 24. Januar 1945
Geflüchtet am 4. Februar 1945
Von den Russen umgebracht
Verstorbene durch Hunger und Krankheiten
Nach Rußland Verschleppte
Vertriebene November 1945
Vertriebene Juli 1946
Vertriebene Oktober 1947
In Tolkemit verbliebene Bewohner (keine!)
Einwohner Ende 1944

Das Kriegsende vor 60 Jahren nehmen wir zum Anlaß, Zeitzeugen zu hören, die über die schrecklichen Geschehnisse im Januar 1945 in Tolkemit berichten. Auf dieser Seite finden Sie den Bericht von Helmut Lingner, Wie er in Tolkemit den Einmarsch der Roten Armee und das Kriegsende erlebte.

Hinweis:
Auf besonderen Seiten finden Sie weitere Berichte:
Unter
<Zeitzeuge Leo Liedtke> berichtet er in einem Interview mit der Westdeutschen
Zeitung
Lokalteil Grefrath - Nettetal von seinen Erlebnissen beim Einmarsch der Russen im Januar 1945, der Vertreibung aus Tolkemit und den Beginn einer "Neuen Heimat" in Nettetal.

Einen weiteren Bericht finden Sie unter <Zeitzeuge Helmut Lingner>. Hier ist ein ausführliches Interview abgedruckt, das er Schülern der Gesamtschule Vellmar gab. Die Schüler hatten die Aufgabe, sich mit dem Thema "Vertreibung der Bevölkerung aus dem Osten Deutschlands" zu befassen, einen Zeitzeugen zu finden und das Interview vor der gesamten Klasse vorzutragen.

Auf der Seite <Schicksalsjahr 1945> wird demnächst umfassend über die damaligen Geschehnisse berichtet.

Hier der Bericht von Helmut Lingner:
Wie er in Tolkemit den Einmarsch der Roten Armee und das Kriegsende erlebte:

November/Dezember 1944:
Am 25. November 1944 wurde ich 8 Jahre alt. Gemeinsam mit meinen drei älteren Brüdern wohnte ich in meinem Elternhaus in Tolkemit, Hafenstraße 1, also mitten im Zentrum. Nach meinem Empfinden, aus der Sicht eines Achtjährigen, verlief das Leben in der Stadt friedlich und normal. Dies traf auch für das Weihnachtsfest 1944 zu. Unsere Familie war Heiligabend unter dem Weihnachtsbaum komplett versammelt, auch mein Vater, denn er ist für die Schiffahrt vom Dienst in der Wehrmacht freigestellt.
Wie alle Jahre wieder, erhalten wir unter dem Tannenbaum unsere Geschenke, es werden Weihnachtslieder gesungen. Friedvolle Weihnachten? Aus der Sicht eines Kindes ja, denn wir können sicherlich den Ernst der Lage nicht erkennen.

Januar 1945:
Mitte Januar wird auch für mich erkennbar, daß sich die allgemeine Lage drastisch verändert. Die ersten Tolkemiter verlassen Tolkemit, sie ergreifen die Flucht. Das alles beunruhigt mich nicht, denn ich befinde mich ja in der Obhut meiner Eltern und mein Vater wird es schon wissen, was in dieser Situation zu tun ist.
Als erste Maßnahme schicken meine Eltern Anfang Januar meine beiden Brüder, 15 und 17 Jahre alt, auf unser in Danzig liegendes Schiff. Sie nehmen auch in Säcken eingepackte Bekleidung für die gesamte Familie mit. Sind dies Fluchtvorbereitungen? Werde ich mit meinen Eltern und dem anderen Bruder auch bald aufbrechen, um dann mit dem Schiff die Flucht in den Westen anzutreten?

Ich beobachte, daß in diesen Tagen Bewegung in den Alltag kommt. Es ziehen flüchtende Zivilisten und Militär durch Tolkemit. Meine Eltern beraten sich mit meinem Onkel, Schuhmachermeister Hermann Döben, der direkt unserem Haus gegenüber in der Hafenstraße ein Schuhgeschäft betreibt. In die Beratungen wird auch Bauer Gehrmann mit einbezogen, der für die Flucht Pferdegespanne zur Verfügung stellen soll. Wann geht es los? Die Flucht wird zunächst zurückgestellt, weil ein Eisbrecher von Elbing kommend eine Fahrrinne durch das zugefrorenen Haff gezogen hat und daher die Überfahrt mit Fuhrwerken erschwert ist. Schließlich kommen meine Eltern, Onkel Hermann Döben mit deren Tochter, meiner Cousine Agnes Schulz mit ihren drei Kindern zu dem folgenschweren Entschluß, Tolkemit nicht zu verlassen, in der Annahme, es wird alles nicht so schlimm werden. Wir bilden nun eine "Notgemeinschaft" mit insgesamt 11 Personen, davon 5 Kinder. Auch diese Situation beängstigt mich nicht sonderlich, ich vertraue meinen Eltern. Was folgt nun, wie geht es weiter?

Am 24. Januar 1945 nimmt das Schicksal seinen Lauf:
Am Abend des 24. Januar befinden sich meine Eltern wieder einmal zur Beratung gegenüber bei meiner Tante und meinem Onkel Döben. Uns Kinder, mein Bruder und ich, wurden zu Bett gebracht. Am späten Abend kommt mein Vater plötzlich allein in unser Haus zurück, weckt uns Kinder, um gemeinsam in Decken gehüllt so rasch wie möglich in den in unserem Haus eingerichteten Luftschutzbunker zu fliehen. Für uns eine ungewöhnliche, beängstigende Situation. Was ist geschehen? Wie sich später herausstellt, ist eine russische Vorhut vom Land her kommend in Tolkemit eingedrungen, mit dem Ziel, die deutschen Truppen in Richtung Westen abzuschneiden. Sie stießen auf keinen Widerstand, da sich in Tolkemit keine deutschen Soldaten befanden, aus welchen Gründen auch immer. So konnten sich die russischen Soldaten in Tolkemit zunächst ungehindert bewegen. Da die russischen Truppen von der Höhe kommend über die Herrenstraße in Richtung Hafen vordrangen, waren wir im Zentrum der Stadt unmittelbar bedroht und betroffen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich noch nahezu 1000 Bewohner in Tolkemit.

Wir, mein Vater, mein Bruder und ich, sitzen nun im dunklen Keller, in der Ungewißheit, was nun auf uns zukommt, eine für mich beängstigende Situation. Jemand rüttelt an der verschlossenen Haustür und zieht weiter. Es sind eindeutig Russen! Wieder das Rütteln an der Haustür. Jetzt nehmen wir das gewaltsame Eindringen in unser Haus wahr. Wird man uns im Keller finden? Wir hören die Schritte über uns im Hausflur. Ob Räume durchsucht werden, wissen wir nicht. Bald verlassen die Russen unser Haus. Danach tritt eine gewisse Ruhe ein. Diese Zeit nutzt mein Vater, mit uns fluchtartig das Haus von Döbens zu erreichen. Wenn die Gefahr auch nicht vorüber ist, so sind wir nun wieder mit meiner Mutter und den anderen vereint.
Zu unserem Schutz suchen wir alle gemeinsam den Keller bei Döbens auf, der für die nächsten Tage unsere "Bleibe" sein wird und warten voller Angst die weitere Entwicklung ab.
Wie wir später erfahren, können deutsche Truppen zunächst die russische Vorhut abwehren. Der mächtige Vorstoß der Roten Armee auf Tolkemit erfolgt jedoch
am 26. Januar.

Wir harren im Schutz des Kellers aus. Immer wieder hören wir Schüsse, Gefechtslärm, Fahrzeuge, Panzer. Bis in den Keller hinein dringen Befehle durch, an deren Sprache wir erkennen können, daß Tolkemit hart umkämpft wird, denn die Befehle in deutscher und russischer Sprache wechseln sich ab.
In den nächten Tagen gibt es immer wieder neue Gefechte. In den Gefechtspausen nutzen weitere Menschen die Gelegenheit, Tolkemit zu verlassen und entgehen so einem harten Schicksal. Nach einem erneute Versuch der deutschen Truppen, die Verbindung nach Elbing herzustellen, kommt es zu starken Kämpfen, auch unter Einsatz von Eisenbahnflak und Tiger-Panzern. Schließlich müssen sich die deutschen Truppen am 4. Februar 1945 endgültig in Richtung Frauenburg zurückziehen. Im Schutz dieser Truppen gelang es Tolkemitern, die entlang der Linie
Accisenstraße/Vorderhaken wohnten buchstäblich in letzter Minute, die Stadt zu verlassen. Unter Beschuß russischer Tiefflieger flüchteten sie über das Haff in Richtung Kahlberg. Tolkemit befindet sich nun endgültig militärisch in russischer Hand. Die Rote Armee hat mit dem Vordringen an das Frische Haff ein wichtiges strategisches Ziel erreicht, nämlich den deutschen Truppen die Verbindung in Richtung Westen abzuschneiden. Es entstand nun ein Kessel, aus dem ein Entrinnen nicht mehr möglich war. Nicht zuletzt deshalb, weil wir uns im Zentrum von Tolkemit befanden, hatten wir in unserer "Notgemeinschaft" im Haus Döben keine Chance, der nun folgenden Willkür der Besatzer und den zu ertragenden Qualen zu entrinnen. Dieses Schicksal teilen wir nun mit insgesamt 1.500 Tolkemitern, denen, aus welchen Gründen auch immer, die Flucht nicht gelang.

Fertigmachen zur Flucht über das Eis
mit einem Segelschlitten

Flucht mit einem Segelschlitten über
das Frische Haff zur Nehrung

Flüchtlingstreck auf der Flucht
vor den Russen

Russische Flugzeute bombardieren
Flüchtlinge auf dem Frischen Haff

Tolkemit brennt!
Gleichzeitig mit der Eroberung Tolkemits wurde von den Russen im Zentrum Feuer gelegt. Es brannten gleichzeitig mehrere Häuser, u.a. das Rathaus, das Gasthaus "Deutsches Haus", das Lebensmittelgeschäft Jorzig, das Papier- und Kurzwarengeschäft Diegner und das katholische Pfarrhaus. Für mich als Kind waren dies schreckliche Ereignisse, diese Feuersbrunst in der Dunkelheit aus nächster Nähe mit anzusehen und alles was danach folgte. All diese schlimmen und intensiven Erlebnisse haben sich in mein kindliches Gedächtnis unauslöschbar eingeprägt.

Russische Soldaten erreichen am 26.1.1945 den Hafen von Tolkemit Russische Panzer vor dem Bug einer
Lomme im Tolkemiter Hafen

Russische Soldaten zünden Schiffe
im Hafen an
Die Jugendherberge wird am 26.1.1945 von Russen angezündet und brennt ab

Wir sind der Willkür der russischen Besatzer ausgesetzt:
Etwa 14 Tage nach der Eroberung Tolkemits, also Anfang Februar, wird die Tolkemiter "Restbevölkerung" in wenigen Häusern konzentriert eingepfercht. Es beginnt für uns eine rechtlose Zeit. Eigene Entscheidungen können wir nicht mehr treffen, Menschenrechte, Menschenwürde sind außer Kraft gesetzt. Die Anordnungen der russischen Soldaten haben wir uneingeschränkt zu befolgen, bei Verweigerung mit Waffengewalt.
Unsere Familie, meine Eltern, mein Bruder und ich landen im Haus Dorneth in der Herrenstraße. Auf engem Raum sind wir mit vielen anderen Tolkemitern untergebracht, je Zimmer mit ca. 20 Personen. Das Verlassen des Gebäudes ist nur nach Genehmigung des bewaffneten Postens möglich. Für Kinder gab es schon mal eine Ausnahme. Gemeinsam mit meinem Bruder durften wir für kurze Zeit das Gebäude verlassen. So bekamen wir die ersten Eindrücke von dem Zustand der kriegsbeschädigten Stadt. Ein unvorstellbarer Anblick, der sich uns Kindern bot. Tote Soldaten und Zivilisten, tote Tiere, abgebrannte und durch Beschuß beschädigte Häuser. Eine Idylle, unser Lebensraum, wo wir vor Tagen als Kinder noch fröhlich unseren winterlichen Spielen nachgingen, war plötzlich zerstört, unbegreiflich.
Sollte nun alles vorbei sein? Das Leben in unserer Heimatstadt Tolkemit, in der unsere Vorfahren Jahrhunderte gelebt hatten?

Wie ging es weiter - im Zeitraffer:
Die russischen Machthaber halten die Restbevölkerung Tolkemits unter Kontrolle. Es findet eine "Selektierung" statt. Männer und Frauen, die keine Kleinkinder haben werden "aussortiert". Sie werden, ohne sich von ihren Angehörigen zu verabschieden" in Richtung Neukirch-Höhe in Marsch gesetzt und nach Rußland/Sibirien verschleppt. Dies trifft auch auf meinen Vater zu. Später berichtet ein Augenzeuge, daß er auf dem Transport nach Rußland mißhandelt wurde und an deren Folgen verstarb. Er wurde 48 Jahre alt. Unsere Familie ist nun halbiert, reduziert auf meine Mutter und einen Bruder. In den folgenden Wochen geht die Willkür der russischen Soldaten weiter. Wir werden in anderen Häusern in Tolkemit konzentriert. Am Abend kommen angetrunkene Soldaten in die Räume und suchen offensichtlich Frauen. Zur Einschüchterung geben sie Pistolenschüsse ab. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung.

Tolkemit wird geräumt:
Mitte Februar ergeht die Anordnung, daß die deutsche Restbevölkerung Tolkemit räumen und deshalb bei hohem Schnee und eisiger Kälte den Fußmarsch von etwa 40 km ins Landesinnere antreten muß. Die Marschblöcke werden von bewaffneten Soldaten begleitet und angetrieben. Wir kommen in Kaymen bei Preußisch-Holland an und müssen uns dort recht und schlecht durchschlagen. Anfang April 1945 dürfen wir wieder den Rückmarsch antreten und kommen am 2. April in Tolkemit an. Inzwischen haben die Russen Beutegut aus Häusern, Geschäften und Betrieben abtransportiert.
Zeit der Ungewißheit:
Unser Haus dürfen wir nicht betreten, denn hier ist die russische Kommandantur eingerichtet. Wir werden in ein Haus in der Accisenstraße eingewiesen.
Die Russen ziehen ab und übergeben die Verwaltung an die Polen. Das Überleben gestaltet sich schwierig. Von den ursprünglich 4000 Einwohnern sind noch 800 übrig geblieben.

Vertreibung:
Zu den ersten 100 Menschen, die Tolkemit verlassen müssen, gehören wir. Der Abtransport für uns beginnt am 19. November 1945 unter unwürdigen Verhältnissen. Über ein Zwischenlager in Küstrin, hier begehe ich meinen 9. Geburtstag, kommen wir Mitte Dezember in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern an. Meine Mutter, mein Bruder und ich müssen in den folgenden 4 Jahren in einem 12 qm großen Zimmer hausen und uns ohne "Ernährer" durchschlagen.
Familienzusammenführung:
Wir erfahren, daß meine beiden älteren Brüder im Westen gelandet sind und können zu ihnen Kontakt aufnehmen. Etwa zeitgleich erhalten wir die Nachricht über den Tod meines Vaters in Rußland. Im Dezember 1949 verlassen wir illegal die DDR und vereinen uns mit den älteren Brüdern in einer Kleinstadt in der Nähe von Hannover.

Normalisierung der Lebensverhältnisse:
Unter zunächst schwierigen Bedingungen geht es wieder aufwärts. Nach meinem Schulabschluß, einer kaufm. Ausbildung und Bundeswehrzeit beende ich eine Verwaltungsausbildung als Dipl. Verw.-Wirt. In den letzten 23 Berufsjahren habe ich in einem Krankenhaus die Aufgaben des Verwaltungsdirektors und Geschäftsführers wahrgenommen.
Mit meiner Frau, zwei Töchtern und zwei Enkelkindern kann ich jetzt den Ruhestand gesichert verbringen. Meine Heimatstadt Tolkemit habe ich inzwischen mehrmals besucht und dort auch verständnisvolle Kontakte knüpfen können. Das uns geschehene Unrecht kann ich den Ausführenden vergeben, aber nicht vergessen. Die Liebe zu meiner Heimatstadt Tolkemit mit meinen Wurzeln bleibt auf Dauer bestehen.

Zurück
Anfang - Tolkemit Damals - Startseite